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Unternehmer sind Strategen

Fachkräfte sind das aber auch!

Karl Heinz Friedrich, Bereichsleiter ›Weiterbildung‹ der IHK Niederbayern, mahnt an, den Wandel der Märkte richtig zu managen und als Chance zu betrachten.


Nach dem Zerfall des Ostblocks – und damit dem Ende eines klaren Gegenübers im Sicherheitsgefüge der Welt – hatten amerikanische Militärs versucht, die neue Situation begrifflich zu erfassen. Das war schwierig bis unmöglich und führte dazu, dass etwas achselzuckend die Abkürzung „VUCA“ geprägt wurde. Weil dieser Begriff dann irgendwie auch auf die Wirtschaft der Gegenwart zu passen schien, übernahmen ihn Wirtschaftstheoretiker anschließend für sich. Und jetzt steht er da, ebenso beliebt wie sperrig:

›V‹ steht für Volatility. „Flüchtigkeit“ findet sich dazu als Übersetzung. Es mag vielleicht noch relativ sichere Trends in Entwicklungen geben. Aber ein Wabern dies- und jenseits der errechneten Linie bringt sowohl Chancen wie Risiken mit sich.

U‹ steht für Uncertainity. Unsicherheit trägt zu den genannten Schwankungen und bisweilen sogar darüber hinaus ganz erheblich bei. Welche Player oder Faktoren neu auftauchen und wie die sich in Modelle einrechnen lassen oder in der Realität konkret auswirken, das ist oft kaum mehr verlässlich absehbar.

›C‹ spielt da mit Complexity kräftig rein. Die Welt wird globaler und vernetzter. Horizonte werden weiter, Big Data verändert die Dimension. Wechselwirkungen verstärken sich, Rückkopplungen schaukeln sich hoch und unerwünschte Nebenwirkungen sind nicht ausgeschlossen.

A‹ schließt den Kreis mit Ambiguity. Die Uneindeutigkeit kann eine einst goldrichtige Entscheidung in neuer Situation zum schweren Fehler werden lassen. „Immer-schon-so-gemacht-Universalrezepte“ gehören jedenfalls der Vergangenheit an.

Im Krieg und in der Liebe seien alle Mittel erlaubt, sagt der Volksmund. Und das sagte angeblich auch schon Napoleon. Das Säbelrasseln passt sicher mehr zum Militär, dem ehrbaren Unternehmer ist es fremd. Aber was kann er doch daraus lernen, um Strategien für eine sich ständig verändernde Welt zu erarbeiten? Hier zumindest ist der Unternehmer nicht so weit weg vom General, indem er als Grundvoraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften seine Mitarbeiter stark aufstellt, sie gut ausrüstet und sie ständig qualifiziert, motiviert und führt. Dann werden daraus Fachkräfte, die selbst wieder eigenverantwortlich und unternehmerisch denken und handeln.

Napoleon würde es vielleicht so formulieren: »Hätte ich ein Heer an Leuten, die die Theorie der Kriegsführung kennen, den Abzugshahn an der Muskete aber nicht finden; wofür gäbe ich dann überhaupt den Befehl zum Marsch?« Leider ist es mittlerweile so, dass neben dem demografischen Wandel der Trend zur Akademisierung einen guten Teil zum herrschenden Fachkräftemangel in der heimischen Wirtschaft beiträgt. Die Unternehmen brauchen zwar auch Absolventen der Hochschulen, in deutlich größerem Maß aber Fachkräfte aus der Praxis, aus der dualen Ausbildung und der beruflichen Fortbildung.

Hört sich der eingangs in Schlagworten umrissene wirtschaftswissenschaftliche Ansatz auch höchst komplex an: Gerade zum VUCA-Problem der Unternehmen finden sich hier viele geeignete Lösungsansätze. Der Faktor ›Mitarbeiter‹ sowie seine Qualifikation rücken dabei ganz zentral in den Mittelpunkt. Denn eines ist auch klar: Eine Berufsausbildung allein trägt heute sicherlich nicht mehr durch ein gesamtes Berufsleben. Lineare Verläufe von der Ausbildung bis zur Rente lassen die immer kürzeren Innovationszyklen schon kaum mehr zu.

Berufssparten, die über Jahrhunderte stabil standen, können mit neuen Verfahren sogar ganz wegbrechen. Im Bereich der Weiterbildung sprechen wir deshalb zunehmend von einer Anpassungsqualifikation. In großen Kompetenzblöcken wie beim Fachwirt, Meister und Betriebswirt oder in überschaubaren Zeiträumen mit Einzelmaßnahmen werden hier die Kompetenzen aufgebaut, die ein Mitarbeiter zur Erledigung neuer Aufgabenfelder braucht. Instrumente dafür sind Zertifikatslehrgänge, Seminare oder Trainings, gerne auch individuell oder auf Firmen zugeschnitten.

Es geht bei beruflichem Lernen immer weniger um „Vorratslernen“ oder reine Wissenssammlung, dafür immer mehr um die Entwicklung von fachlichen sowie sozialen Stärken. Eine VUCA-Welt wird dazu führen, dass es bei den Fachkräften immer mehr „Wissensarbeiter“ mit weniger klassisch manuellen Tätigkeiten geben wird. Manager und Führungskräfte sollten es daher bewusst zulassen, fördern und nutzen, dass diese Fachkräfte zugleich weniger gesteuert und dafür deutlich flexibler, schneller, selbstbestimmter und eigenverantwortlicher ihre Leistung einbringen.

Diejenigen, die vor halb leeren Gläsern sitzen, sehen die Risiken in Digitalisierung, Industrie 4.0, in Big Data, Automatisierung, Kollege Roboter, Globalisierung, in Digitaldruck oder auch Onlinehandel. Wer vor halb vollen Gläsern sitzt, der begreift den Wandel hingegen mehr als Chance. Auf der Ebene der Strategen und bis hinein in das Team, das er dafür motiviert, neue Möglichkeiten zu entdecken: für kreatives Arbeiten, verantwortliches Denken, unternehmerisches Agieren mit mehr Chancen für Selbstverwirklichung, sichereren Arbeitsplätzen und nicht zuletzt auch weiter steigenden Einkommenserwartungen.

Es gibt Unternehmensberater, die übersetzen VUCA heute alternativ mit V für Vision, U für Understanding, C für Clarity und A für Agility. Dieser Ansatz liegt dem Wirtschaftsstrategen ohnehin näher als der hochwissenschaftliche oder gar ­militärische. Und er ist ein gutes Argument für Bildung: Habe Visionen, verstehe was du machst, habe Deine Ziele klar vor Augen und pack es kräftig an. Es ist genau diese Haltung, die dem System der beruflichen Aus- und Fortbildung zugrunde liegt.

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Diesen Gastkommentar finden Sie auch in Heft 1/2020 auf Seite 93. Zum besagten Heft führt ein Klick auf den nachfolgenden Button!

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