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Kriminalistische Beweissicherung per Mikroskop

Der Untergang der Titanic ist auch nach hundert Jahren mit vielen Fragezeichen versehen. Jennifer Hooper McCarty und Tim Foecke begeben sich in ihrem Buch auf Spurensuche im Kosmos des Materials, aus dem die Titanic erbaut wurde und weisen nach, warum die Titanic untergehen musste.

Wissenschaftliche Bücher, die sich um die Welt der Werkstoffe drehen, sind in der Regel alles andere als gut lesbar. Beim Buch „Warum sank die Titanic wirklich?“ von Jennifer Hooper McCarty und Tim Foecke ist dies völlig anders. Hier bricht man zu einer faszinierenden Reise an den Geburtsort der damals größten Schiffe auf und erhält in anschaulichen Erzählungen einen Einblick in eine damals herrschende Arbeitswelt, die uns heute fremd und kalt vorkommt.

Hautnah spürt man den Zeitdruck, dem die Menschen beim Bau der Titanic ausgesetzt waren. In der immer wieder verklärend betitelten „Guten alten Zeit“ fanden ungezählte Arbeitsunfälle mit Toten und Verkrüppelten statt, was im Buch deutlich zur Sprache kommt. Schon 13jährige Jungen verdienten sich auf der Werft von Harland&Wolff in Nordirland ihren kargen Lohn.

Sehr schön wird erzählt, dass eine Kette von Ereignissen ablief, die alle mit dem Untergang der Titanic zu tun haben. Da spielt der Umstand der bereits zugesagten, doch später abgelehnten Lohnerhöhung ebenso eine Rolle, wie die umständliche Art und Weise, mit der damals das Schmiedeeisen hergestellt wurde.

Der Leser erfährt, dass in vielen Dingen beim Bau von Schiffen aus Metall Neuland beschritten wurde und das Prüfen des Materials erst am Anfang stand. Schiffe, wie die Titanic, waren nur durch die Erfolge auf dem Gebiet der Metallurgie möglich. Das Problem bestand jedoch darin, dass die Qualität der einzelnen Chargen stark schwankte. Ein Auslöser für den späteren Untergang?

Der Niet – ein unterschätztes Bauteil

Unglaubliche drei Millionen Niete wurden damals für die Titanic benötigt, die alle einzeln auf eine bestimmte Temperatur erwärmt werden mussten, um einbaubar zu werden. Beim Lesen des Buchs wird man fast selbst zu einem Mitglied des Nieterteams, das die zugeworfenen, warmen Nieten weiterverarbeiteten und unter ohrenbetäubenden Lärm am Schiffskörper einbrachte.

Die Titanic sollte ein besonders sicheres Schiff werden, daher wurden wasserdichte Unterteilungen eingebaut die durch wasserdichte Tore voneinander getrennt wurden. Der Schiffskörper wurde aus Siemens-Martin-Stahl gebaut, die Nieten zum Teil aus Stahl und zum Teil aus Schmiedeeisen. Warum diese Mischung gewählt wurde, erfährt der Leser in einer logisch nachvollziehbaren Argumentationskette. Schmiedeeisen wurde damals oft verwendet, da das Material als bewährt galt. Aus ihm besteht zum Beispiel der komplette Eifelturm, der auch heute noch zu bewundern ist.

Schon damals wurden hydraulische Maschinen eingesetzt, um Niete zu setzen. Dies erleichterte die Arbeit der Nieter sehr. Daher wurde die Titanic zu einem großen Teil mit Maschinen genietet. Nur an engen Stellen, etwa am Bug und am Heck, ging das aus Platzgründen nicht, weshalb an diesen Stellen Handarbeit zum Einsatz kam. Niete ziehen sich beim Erkalten zusammen. Dadurch werden die genieteten Platten wasserdicht zusammengepresst. Ein Prüfer konnte anhand des Klangs bei einem Hammerschlag auf den Niet feststellen, ob dieser korrekt saß. War dies nicht der Fall, wurde der Niet entfernt und ein neuer gesetzt. Wurde hier korrekt gearbeitet? Schließlich drang nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg am Bug Wasser ein. Das Buch begibt sich auch hier auf Spurensuche und liefert tiefschürfende Fakten, was sich damals abgespielt haben muss.

Nach ihrer Fertigstellung war die Titanic 269 Meter lang, mit modernster Technik bestückt und absolut luxuriös ausgestattet. Sagenhafte 160 Tonnen Kohle waren täglich nötig, um die Schiffschrauben anzutreiben.

Nach ihrem Untergang wurden schon damals Vermutungen laut, dass im kalten Nordmeer der Stahl spröde wurde und beim Zusammenprall mit dem Eisberg brach. An dieser Stelle steigt das Buch richtig ein und präsentiert Fakten, die klar darlegen, was für eine Ursache der Untergang hatte. Diese Argumente werden mit einer Anzahl höchst interessanter Fotos untermauert.

Der Ursache auf der Spur

Nachdem das Wrack der Titanic 1985/86 zum ersten Mal entdeckt wurde, haben verschiedene Expeditionen eine stattliche Anzahl an Material an die Oberfläche gebracht. Darunter ganze Schiffsplatten und zahlreiche Niete, die am Boden verstreut waren. Dadurch war man in der Lage, mit heutiger Analysetechnik die Qualität des damals verwendeten Stahls zu bestimmen. Es bestand immerhin der Verdacht, dass die Qualität nicht eingehalten wurde und die Kälte im Nordmeer zum Versagen des Materials führte. Die Autoren des Buchs stellen jedoch fest, dass das Material der Titanic für die damalige Zeit eine überdurchschnittliche Qualität hatte.

War es aber auch für große Kälte geeignet? Wie verhielt es sich in Sachen Kerbschlagempfindlichkeit? Konnte der Eisberg das Material überhaupt beschädigen? Welche Rolle spielen die Nieten, die die einzelnen Platten zusammenhielten?

Und dann ist da noch der Kohlenbunker. In diesem Bunker hat es ein Feuer gegeben, das eine Temperatur von 480 Grad Celsius entwickelte. Hat dieses Feuer etwas mit dem Untergang der Titanic zu tun? Wie kann es sein, dass Papier jahrzehntelang in einem im Wasser liegenden Lederkoffer erhalten bleibt, anstatt sich aufzulösen? Es gibt sehr viele Antworten zum Mysterium Titanic, die in diesem Buch gegeben werden und so gerade auch Verschwörungstheorien den Wind aus den Segeln nehmen.

Doch auch die Gegenwart bietet viel, was es zum Thema Titanic zu sagen gibt. Schließlich nagt der Zahn der Zeit am Wrack. Im Buch ist zu erfahren, welche Möglichkeiten angedacht werden, um den Verfall beziehungsweise das Verrosten den Wracks zu verlangsamen oder zu unterbinden. Das Abdecken mit einer Kunststofffolie ist da sicher die am wenigsten erfolgsversprechende Variante, abgesehen vom ästhetischen Aspekt

Es wird auch die Frage aufgegriffen, ob „Eisen fressende Bakterien“ das Wrack verspeisen. Dabei wird gleich die Frage geklärt, ob Korrosion nun ein biologischer oder ein chemischer Prozess ist. Darüber hinaus wird die Frage gestellt, ob Expeditionen zum Wrack schädlich für den Erhalt des Schiffwracks sind.

Wie lange wird es also die Titanic noch als erkennbares Schiff geben, wenn sich schätzungsweise täglich 500 bis 1000 kg Eisen in Rost verwandeln? Auch auf diese Frage gibt das Buch kompetente Auskunft.

Zusammengefasst lässt sich sagen, dass das Buch eine Klasse Lektüre nicht nur für Metallurgen ist. Es richtet sich an jeden der die letzten Geheimnisse der Titanic lüften möchte und ganz nebenbei auch noch jede Menge Interessantes zum heute meistverwendeten Werkstoff lernen möchte: Stahl.

Infos zum Buch

Titel: Warum sank die Titanik wirklich?
Autoren: Jenniver Hooper McCarty und Tim Foecke
Verlag: Springer Vieweg
ISBN: 978-3-8348-2386-1
Jahr: 2012
Preis: 29,95 Euro

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