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Ein Sehenswürdigkeits-Speicher

PS-Innovationen stark präsentiert

Wer gerne in ein Museum geht, doch keine Lust auf langweilig präsentierte Exponate hat, dagegen viel Wert auf eine Erlebnisausstellung legt, dem sei der PS.Speicher in Einbeck ans Herz gelegt. Hier taucht man auf ganz besondere Art in die Welt der Motorisierung ein.


Die Präsentation von Wissenswertem rund um die Welt der motorbetriebenen Fahrzeuge haben sich die Macher des PS.Speichers in Einbeck auf die Fahne geschrieben. Hier gibt es das erste Fahrzeug zu sehen, das als Motorrad bezeichnet wurde, kann am eigenen Leib erfahren werden, was sich hinter einem PS an Leistung verbirgt und wird aufgezeigt, dass die Beschaffung von Benzin in der Anfangszeit des Verbrennungsmotors den Gang in eine Apotheke nötig machte.

Das Museum ›PS.Speicher‹ ist voller Überraschungen, was sowohl die Exponate, aber auch deren Präsentation betrifft. Dies beginnt bereits bei einer Aufzugsfahrt, in der es in Kinoatmosphäre hinauf zu derjenigen Ausstellungshalle geht, die dem Beginn der Motorisierung gewidmet ist. Oben angekommen fallen zahlreiche Kuriositäten ins Auge, die diverse Erfinder ersannen, um Menschen eine schnellere Fortbewegung zu ermöglichen.

Darunter ist beispielsweise die Laufmaschine von Karl Drais zu sehen, dem es 1817 gelang, seinen Geistesblitz in Sachen Fortbewegung umzusetzen. Das Balancieren auf seinem Zweirad war schnell zu lernen, sodass die Zahl der „pferdelosen Reiter„ sehr schnell anwuchs.

Kampf um den Käufer

Im PS.Speicher ist sehr schön herausgearbeitet, dass der Siegeszug des Benzinmotors lange nicht feststand. Immerhin gab es bereits 1769 den Dampfwagen des Franzosen Nicholas Cugnot und auch Elektrofahrzeuge waren beliebt, wie Mietdroschken zeigen, die bereits vor 1914 besonders in den Städten gerne ausgeliehen wurden. Schlussendlich setzte sich der Verbrennungsmotor durch, da er weniger Pflege benötigte und eine größere Reichweite aufwies.

Carl Benz und Wilhelm Maybach gelang es 1886, den von Nicolaus Adam Otto erfundenen Verbrennungsmotor zu verkleinern, sodass dieser für den Fahrzeugbau geeignet war. In der Folge erfasste die moderne Welt eine Art technischer Urknall, der zu einer Fülle von Unternehmensgründungen führte, die sich mit Innovationen einen rasanten Wettlauf in Sachen Fahrzeugbau lieferten.

Viele dieser Firmen lebten nur wenige Jahrzehnte, setzten jedoch wichtige Wegmarken auf dem Weg zur Massenmotorisierung. Beispielsweise ist in Einbeck ein Dreirad-PKW des wohl nur mehr Insidern bekannten Unternehmens ›Cyklonette‹ zu sehen. Dieses Fahrzeug wurde ab 1900 in Sachsen produziert und war bis in die 1920er Jahre hinein sehr beliebt, da es billiger und wirtschaftlicher als ein Automobil war.

Ein ganz besonderer Hingucker ist auch die ›FN 4‹, ein Motorrad mit Vierzylinder-Reihenmotor des belgischen Unternehmens ›Fabrique Nationale‹. Die sensationelle Maschine war ihrer Zeit weit voraus. Sie besaß unter anderem keine Kette, sondern einen Wellenantrieb, um die Kraft vom Motor auf die Räder zu bringen. Mit ihrem Spritzdüsenvergaser und einer Hochspannungszündanlage von Bosch fuhr sie sehr zuverlässig. Kein Wunder, dass sie von 1905 bis 1925 unverändert gebaut wurde.

Ein ganz besonderes Schmankerl ist das ›Motorrad‹ von Hildebrand & Wolfmüller. Dieses von 1894 bis 1896 gebaute zweirädrige Fahrzeug war der Namens-Stammvater für alle Motorräder. Kurios war die Kraftübertragung vom Motor auf die Hinterräder, die mittels einer Pleuelstange erfolgte, was an eine Dampfmaschine oder eine Lokomotive erinnert. Obwohl bereits eine Luftbereifung vorhanden war, wurde dieses Gefährt kein großer Erfolg da es mit der Zuverlässigkeit nicht zum Besten bestellt war.

Wissenslücken füllen

Wer den PS.Speicher besucht, sollte reichlich Zeit einplanen, denn der Reigen an sehenswerten Exponaten mit zwei, drei und vier Rädern ist atemberaubend. Beispielsweise überrascht eine von Victoria gebaute ›KR 20 HM‹ aus dem Jahre 1932 mit einem Fabrikneuzustand. Dieses Motorrad wurde damals, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht übergabefertig gemacht und „blieb übrig„.

Und wer noch nie etwas von den Ruhrtal-Motorrad-Werken gehört hat, kann diese Wissenlücke in Einbeck auffüllen: Hier steht die ›Phönix Sport Dynastart‹, eine Einzylinder-Zweitaktmaschine, die nur zehn Mal gebaut wurde. Auch die ›Megola‹ ist mehrere Blicke wert: Ein ungewöhnliches Motorrad aus dem Jahre 1922, das im Vorderrad über einen Umlaufmotor verfügt.

Interessant auch der ›Motorläufer‹ der Waffenschmiede Krupp. Da nach dem 1. Weltkrieg dieses Unternehmen keine Waffen mehr produzieren durfte, wurde auf zivile Produkte umgestellt. Dabei entstand unter anderem der erste deutsche Motorroller mit ungewöhnlicher Konstruktion: Die Antriebseinheit sitzt am Vorderrad und gebremst wird durch Anziehen des Lenkers. Unter der Marke ›Neracar‹ baute Carl A. Neracher in England und den USA ein Motorrad, das neben seiner Wirtschaftlichkeit auch guten Komfort sowie beste Fahreigenschaften bot. Positiv für das Marketing war, dass sich der Name ›Neracar‹ wie „near a car„ anhört, was auf Deutsch ›fast wie ein Auto‹ bedeutet.

Interessante Infos

Freunde des Auto- und Motorradbauers BMW erfahren im PS.Speicher, dass die Motorradproduktion heute nur deshalb existiert, weil damals die Bayerischen Flugzeugwerke AG (BFW) für das Motorrad ›Helios‹ einen BMW-Motor verwendeten. Durch den Zusammenschluss von BMW und BFW im Jahre 1922 wurde BMW zum Motorradproduzenten.

Übrigens gibt es im PS.Speicher sehr viele BMW-Motorräder zu bewundern, die aus jüngerer Zeit stammen. Fans können beispielsweise die ›R 1100 GS‹, die ›R 1200 C‹, aber auch den Motorroller C1-200 bewundern. Dieser war übrigens das einzige zweirädrige Gefährt, das Dank seines besonderen Designs ohne Helm genutzt werden durfte.

Wer das Besondere sucht, der wird über die ›656‹ von MBS staunen. Das von 2001 bis 2006 gebaute und damals 50.000 Euro teure Motorrad erreichte eine Spitzengeschwindigkeit von 260 km/h und wurde zu seiner Zeit als bestes Sportmotorrad der Welt bezeichnet. Weitere Superlativen im Museum sind eine ›Münch 2000‹ und eine ›Van Veen OCR‹. Während die nur 13 Mal gebaute Münch mit 260 PS aufwarten kann, glänzt die Van Veen mit einem Kreiskolbenmotor, der vom Automobil ›RO 80‹ stammte, den NSU baute.

Selbstverständlich kommen auch Liebhaber japanischer Maschinen auf ihre Kosten. Ob ›CB 750 Four‹ von Honda, ›DS 7‹ von Yamaha oder ›Z 900 Super 4‹ von Kawasaki – Kenner kommen ins Schwärmen ob dieser Klassiker aus dem Land der aufgehenden Sonne. Doch die Moderne ist nicht aufzuhalten: Im PS.Speicher gibt es auch die Scorpa/E.M 5.7 zu sehen, eine elektrisch betriebene Trialmaschine, die mit der Leistung eines vergleichbaren Benziners aufwartet.

Ein besonderer Einfall der Ausstellungbetreiber ist die Idee, Ost- und Westfahrzeuge gegenüberzustellen, wie sie nach der Teilung Deutschland produziert wurden. Die Ähnlichkeit ist oft frappierend, was der Tatsache geschuldet ist, dass Firmen Zweigwerke in verschiedenen deutschen Landesteilen hatten, die nach der Teilung getrennt weiterproduzierten. Ungeniert wurden Urheberrechte des unterlegenen Kriegsgegners beiseitegeschoben.

Beispielsweise wurde von den Dresdner Hainsberger Metallwerken im Auftrag der Sowjets ohne Lizenz ein Mofa produziert, dessen Motor aus einem enteigneten Sachs-Zweigbetrieb stammte. Ein besonderer Fingerzeig in einer passenden, mit Kriegslärm untermalten Abteilung ist auch das „eingemauerte Motorrad„, eine ›DKW NZ 350‹ von 1939, die der Besitzer auf diese Weise dem Zugriff des deutschen Militärs entzog. Die gezeigte Maschine ist praktisch neuwertig, da sie in Vergessenheit geriet und nur per Zufall wiederentdeckt wurde.

Spannende Präsentation

Themenwelten machen den Gang durch das Museum zu einem echten Vergnügen. Man bekommt immer wieder den Eindruck, gerade in der Zeit zu sein, in der die Fahrzeuge heimisch sind. Sogar ein Simulator offenbart, dass die damals gebauten Fahrzeuge sich gar nicht so leicht durch teils enge Straßen manövrieren ließen.

Der Lerneffekt ist nicht zuletzt für Schulklassen ein ganz großes Plus, was den PS.Speicher auszeichnet. Beispielsweise können Schüler hier herausfinden, warum die ersten Automobile eher wie Kutschen aussahen, können in einem Zeittunnel einen Blick in unsere automobile Zukunft werfen oder anhand realer Automodelle erfahren, was eigentlich hinter dem Begriff ›Maßstabsgetreu‹ steckt. Dazu können sie etwa eine BMW Isetta mit Meterstab und Lineal vermessen und die ermittelten Maße zum Zeichnen eines verkleinerten Modells nutzen.

Da auch Wasserstoff zu den heißen Favoriten künftiger Motoren gehört, wird im PS.Speicher zudem anhand eines Demonstrators schülergerecht erläutert, woher Wasserstoff kommt und wie eine damit betriebene Brennstoffzelle funktioniert. In der Sonderausstellung ›Rennsport‹ wird allen Wissbegierigen verdeutlicht, dass hier die Wiege für neue Materialien, bessere Motoren und neuartige, elektronische Helfer liegt. Diese Erkenntnis ist gerade für die junge Generation ausgesprochen wichtig, da sich der Wohlstand von Industrienationen nur halten lässt, wenn Begeisterung für Technik geweckt wird. Im PS.Speicher gelingt dies mühelos.

 

Mehr Informationen:

Kontakt  Herstellerinfo 
PS.SPEICHER
Tiedexer Tor 3
37574 Einbeck
Tel.: +49 (0) 5561 923200
E-Mail: entdeckung@ps-speicher.de
www.ps-speicher.de
 

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