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Tolle Blicke in die Vergangenheit

Ob imposante Mühle, voll eingerichtete Fabrik für Verbrennungsmotor-Ventile oder wasserradbetriebenes Eisenhammerwerk – das Industriemuseum Lauf ist eine echte Fundgrube für Geschichts- und Technikbegeisterte.

Der heutige Wohlstand in Deutschland ist nicht vom Himmel gefallen. Er musste über viele Jahrhunderte schwer erarbeitet werden. Hautnah kann dies im Industriemuseum Lauf erlebt werden. Hier bekommen Besucher in der im Jahre 1541 erstmals erwähnten Mühle Einblicke in den harten Alltag eines Müllers, erleben hautnah die Arbeit in einer wasserradbetriebenen Hammerschmiede mit und dürfen Anteil nehmen am Leben der Arbeiter in den flussnahen Betrieben.

Lebendige Geschichte

Interessant ist, dass das erwähnte Mühlengebäude 350 Jahre lang der Messingverarbeitung diente und erst 1894 wieder eine Mühle, diesmal eine Kunstmühle, in dem Gebäude eingerichtet wurde. Das zu besichtigende Wasserrad stammt vermutlich aus dieser Zeit. Obwohl die Mühle wegen Unrentabilität bereits 1912 wieder stillgelegt wurde, diente das Wasserrad bis 1972 der Stromerzeugung.

Durch einen Glücksfall ist in Lauf ein Museum entstanden, das in Deutschland wohl einmalig ist. Hier gestatten Originalschauplätze tiefe Einblicke in das karge, laute und teils gefährliche berufliche Wirken der damaligen Beschäftigten. Während unter den Füßen die Pegnitz tobt, wurde oben gemahlen, gehämmert und natürlich auch gelebt. Besucher tauchen ein in eine Welt, die es in dieser Form heute in Europa wohl nur mehr an wenigen Orten gibt.

Vielfältige Eindrücke

Hier das karge Schlafgemach eines Müllermeisters, dort das wie ein Schwalbennest über der Pegnitz thronende Plumpsklo. Durch das unmittelbare Eintauchen in eine längst vergangene Zeit fungiert das Industriemuseum Lauf als Zeitmaschine, die die Vergangenheit wieder lebendig macht und erlebbar werden lässt.

Für so manchen, heute lebenden Zeitgenossen gibt es sicher einen Aha-Effekt, wenn er sieht, wie einfach die Leute noch vor wenigen Jahrzehnten lebten. Puppenstubenhafte Schlafzimmer, wenig komfortable Küchen und einfachste Wohnzimmer dokumentieren die Epochenabschnitte, die dem heutigen Wohnvergnügen vorausgingen.

Harte Arbeitszeiten

Wer heute hinsichtlich seiner Arbeitszeit kritisch eingestellt ist, wird wohl nachdenklich nach Hause fahren, wenn er das in der Mühle ausgelegte Merkblatt zur damaligen Arbeitszeit gelesen hat. Dort wird erwähnt, dass nach 24 Stunden Arbeit eine ununterbrochene Ruhezeit von acht Stunden zu gewähren ist. Überhaupt sollte man mit wachen Augen durch die Mühle gehen, da sich hier so manches Geheimnis verbirgt.

Altes Wissen

So sind beispielsweise im Walzenstuhl zwei Stahlwalzen eingebaut, die mit Rillen versehen sind. Diese Rillen haben die Aufgabe, das Getreidekorn aufzuschneiden. Mit der Zeit werden diese Rillen jedoch stumpf, weshalb sie nachgeschärft werden müssen. Die dazu nötige Riffelmaschine ist ebenfalls zu bestaunen. Damit konnte die Walze zunächst rundgeschliffen und anschließend mit zwei feststehenden Riffelstählen nachgeschnitten werden.

Das Besondere ist, dass die Riffelung nicht gerade ausgeführt wird, sondern in einer Bogenform, damit die Wirkung, das Getreide aufzuschneiden, verstärkt wird. Man sieht, dass auch in eher nebensächlichen Dingen viel Wissen steckt, das die damaligen Menschen angehäuft haben.

Lebendes Handwerk

Gar 1504 ist erstmals das zum Museum gehörende Hammerwerk erwähnt, das 1890 sein heutiges Aussehen erhielt. Dieses Hammerwerk lässt jeden Besucher erstaunen, da es im Original erhalten ist und sogar an besonderen Tagen für Vorführungen in Betrieb geht. Angetrieben von Wasserkraft wird die Energie über Transmissionsriemen auf die einzelnen Maschinen übertragen, wodurch diese zum Leben erwachen.

Wer sich die Wirkungsweise der Maschinen genau ansieht, zieht innerlich den Hut vor den Konstrukteuren, die es schafften, auf einfachste Weise die Kraft des Wassers der Pegnitz in Arbeitskraft umzusetzen. Neben zwei mit der Schwerkraft arbeitenden Fallhämmern ist sogar ein druckluftbetriebener Schmiedehammer zu sehen, der mit seiner wuchtigen Erscheinung ins Auge fällt. Doch dies ist noch lange nicht alles, was es im Industriemuseum Lauf zu sehen gibt. Dank originalgetreu aufgebauten Werkstätten bekommt man Einblick, wie Regenschirme repariert wurden, Flaschner ihre Produkte herstellten und Schuster aus Leder Schuhe herstellten.

Auch der Blick in die Vitrinen lohnt. So sind zum Beispiel Schuhe eines Gebirgsjägers aus dem 2. Weltkrieg zu sehen, die der damalige Besitzer im Russlandfeldzug trug. Während des Krieges in den Jahren 1941 bis 1943 ist er damit von Charkow in der Ukraine bis Baku im Kaukasus gelaufen. Kleine Flickstellen am Schaft des linken Schuhes rühren von einem Splitter ­eines Artilleriegeschosses her, weshalb der linke Fuß amputiert werden musste. Ein voll eingerichteter Friseursalon aus den 1960er Jahren zeigt, was damals für Haarmode bestand, und in welchem Umfeld sich die Bürger dem Styling ihrer Haarpracht hingaben. Hier ging sicher auch so mancher Zeitgenosse ein und aus, der in der Ventilkegelfabrik Dietz & Pfriem sein Brot verdiente.

Wer in die Welt dieser Fabrik eintaucht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Hier wird bis ins kleinste Detail der Werdegang von Ein- und Auslassventilen für Verbrennungsmotoren erzählt. Die Fabrik macht auf Besucher den Eindruck, dass die, in der Hochphase der Firma rund 60 Mann starke Belegschaft gerade Mittagspause macht und jeden Augenblick wieder bei den Türen hereinströmen wird. Die Fabrik stellte aber schon vor längerer Zeit, genau gesagt im Jahre 1991, ihre Fertigung ein.

Man hat das Gefühl, die Fabrik könnte in recht kurzer Zeit wieder zum Leben erweckt werden, zumal hier alles erhalten ist, was solch ein Betrieb benötigt. Sogar das Rohstofflager ist teils noch erhalten, natürlich mit etlichen Metern Rundstahl. Es zeugen teils hochwertige Werkzeugmaschinen von einem Unternehmen, das ehemals zu den deutschen Perlen gehörte, die entscheidende Komponenten für Verbrennungsmotoren lieferten.

Experte für Begehrtes

Dietz & Pfriem stellte Ventile für Autos, Motorräder, Lastwagen, Busse, Traktoren, Nutzfahrzeuge, Lokomotiven und Schiffe her, die weltweit begehrt waren. Alleine für diese Fabrik sollten Besucher sich Zeit nehmen, da es unheimlich viel zu entdecken gibt. Da wären zum Beispiel die mächtigen Reibscheiben-Spindelpressen (die größte arbeitet mit 450 Tonnen Druck), mit deren Hilfe die glühend heißen Werkstücke ihre grobe Ventilform erhielten. Wer vor den Pressen steht, bekommt einen Eindruck davon, dass deren Bedienung sehr verantwortungsvoll war, da das Umschalten der Drehrichtung viel Erfahrung erforderte, sollte die Presse nicht beschädigt werden.

Interessant ist, dass die für das vorherige Stauchen der Ventilstähle benötigten Maschinen aus den 1930er Jahren stammen. Fünf dieser Maschinen hat Hugo Dietz, der Firmengründer, selbst aus Drehbänken gebaut. Beim Stauchen wird ein Metallstab durch elektrische Widerstandserwärmung aufgeheizt und gleichzeitig auf den Stab in Längsrichtung Druck ausgeübt. Dadurch verdickt sich das aufgeheizt, glühende Ende zu einem Klumpen, der sogenannten Ventilbirne. Das Stauchen war eine entscheidende Fertigkeit, um hochleistungsfähige, langlebige Ventile herzustellen. Nach dem Pressen wurden die Ventile im ebenfalls zu sehenden Ofen geglüht, gehärtet und angelassen. Verzogene Ventile wurde im Schraubstock eingespannt und von Hand wieder geradegerichtet, ehe sie weiterverarbeitet wurden.

Ventile vom Feinsten

Nach dem Drehen wurde geschliffen, geläppt und poliert. Eine Endkontrolle sorgte dafür, dass nur Gutteile zur Auslieferung kamen. Kunden, die besonders robuste Ventile wünschten, konnten diese mit einer Panzerung versehen lassen. Bei diesem Verfahren wird mittels einer Kopierdrehbank eine Rille in den Ventilteller gedreht und anschließend eine Raupe an dieser Stelle aufgeschweißt.

Tafeln an den einzelnen Maschinen erläutern deren Funktion, sodass auch Laien sich ein Bild machen können, was sie gerade vor sich haben. Eine ältere Leit- und Zugspindeldrehmaschine von Weisser wurde sogar mit Hinweisschildern versehen, die die Namen der einzelnen Baugruppen enthalten. Kein Wunder, dass so mancher Fachlehrer mit seinen Schülern hier vorbeischaut. Ein besseres Umfeld, Fachnamen zu vermitteln, wird sich schwer finden lassen.

Das Industriemuseum Lauf ist es wert, besucht zu werden. Insbesondere Familien mit Kindern und Lehrer sollte sich das Museum dick in ihren Terminkalender notieren, zumal es immer wieder wechselnde Sonderausstellungen gibt, in denen es durch mitmachen an spannenden Exponaten viel zu lernen gibt.

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Diesen Artikel finden Sie auch in Heft 3/2019 auf Seite 32. Zum besagten Heft führt ein Klick auf den nachfolgenden Button!

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Industriemuseum Lauf
Sichartstraße 5-25
91207 Lauf
Tel.: 09123/9903-0
Fax: 09123/9903- 13
E-Mail: info@industriemuseum-lauf.de
www.industriemuseum-lauf.de

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