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Das schwarze Gold aus der Heide

Dass in Deutschland vor noch gar nicht so langer Zeit Erdöl im großen Stil gefördert wurde, ist heute nicht mehr jedem bekannt. Das Deutsche Erdölmuseum in Wietze lohnt daher einen Besuch, die deutschen Erdölfelder kennenzulernen.


Erdöl war und ist das Schlüsselelement zum heutigen Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten. Ohne diesen Stoff wäre die Menschheit sicher noch im Dampfmaschinenzeitalter zuhause und wäre der Aufstieg so mancher Nation zu einer Industriegesellschaft garantiert ausgefallen.

Ohne Erdöl gäbe es wohl keine großen Windkraftwerke, da die dazu nötigen Hochleistungs-Schmiermittel aus diesem Stoff bestehen. Ganz zu schweigen davon, diese aufzustellen, da die Motoren und Hydraulikanlagen der Montagekräne mit aus Erdöl gewonnenem Kraftstoff beziehungsweise Hydrauliköl betrieben werden.

Wichtiger Rohstoff

Ohne Erdöl kein Asphalt für die Straßen und keine Medikamente gegen viele Krankheiten. Ob Computergehäuse, Kreditkarten, Farben, Shampoos, Vaseline oder Waschmittel – Erdöl steckt in vielen modernen Produkten. Erdöl sichert die Lebensmittelversorgung und sorgt dafür, dass auch im Winter Gemüse und Obst zu bezahlbaren Preisen erhältlich sind. Im Erdöl sind sogar winzige Diamanten, sogenannte Nanodiamanten enthalten, die sich zur Herstellung kleinster Transistoren und für medizinische Anwendungen eignen.

Eine Abkehr von der im großen Maßstab durchgeführten Förderung von Erdöl kann daher fatale Folgen für den Menschen haben. Preissteigerungen vieler Produkte sind hier noch das geringste Übel. Schwerer wiegt, dass wichtige Produkte – wie etwa die erwähnten Nanodiamanten – nicht mehr in großer Menge zur Verfügung stehen würden. Dadurch würden wohl Forschungsanstrengungen erlahmen, die möglicherweise zu einem revolutionären Produkt oder Medikament führen könnten. Man denke nur an die bereits jetzt mit Nanodiamanten versehenen Medikamente ›Amantadin‹ und ›Rimantadin‹, die gegen Parkinson beziehungsweise das Vogelgrippevirus ›Sars‹ eingesetzt werden.

Es lohnt sich daher, mehr über den Wunderstoff ›Erdöl‹ zu erfahren, der schon von den alten Ägyptern geschätzt wurde. Bestens eignet sich dazu das am Südrand der Lüneburger Heide gelegene Erdölmuseum Wietze, das genau an der Stelle errichtet wurde, an der bis Anfang der 1960er Jahre Erdöl gefördert wurde.

In dieser Gegend wurde nachweislich bereits Mitte des 17. Jahrhunderts von den dort lebenden Bauern der auf ihrem Grund und Boden vorkommende ölhaltige Sand gesammelt, um daraus Schmier- und Heilmittel herzustellen. Interessant ist, dass bereits 1858 damit begonnen wurde, Erdölbohrungen niederzubringen, ehe 1899 die industrielle Erdölförderung in Wietze begann. Den Grundstein für die steigende Nachfrage nach Öl legte die 1850 getätigte Erfindung des Petroleums, das als Lampenöl sowie als Reinigungsmittel Verwendung fand.

An einem Modell im Museum kann der Besucher sehen, wie damals die erste erdölfündige Bohrung der Welt niedergebracht wurde. Ein eindrucksvolles Bild zeigt zudem, wie es damals in Wietze ausgesehen hat: Besucher haben den Eindruck, auf ein historisches Ölfeld in den Vereinigten Staaten zu blicken.

Förderstarker Standort

Über 2 000 Bohrungen wurden bis Anfang der 1960er Jahre in Wietze „abgeteuft“, wie der Fachmann zum Bohren in das Erdreich sagt. Zwischen 1900 und 1920 hatte Wietze einen Anteil von zeitweise bis zu fast 80 Prozent an der deutschen Erdölförderung. 1918 wurde sogar ein Erdölbergwerk gebaut, um den dort vorkommenden Ölsand abzubauen beziehungsweise, um Sickeröl zu gewinnen.

Diese Arbeit war für die als „Muckel“ bezeichneten Bergleute ausgesprochen hart. Gebückte Haltung, hohe Luftfeuchtigkeit und das ständig auf den Körper tropfende, stinkende Öl machten ihnen zu schaffen. Dieses Öl musste am Schichtende mit Petroleum wieder abgewaschen werden. Das Bergwerk hatte am Ende eine Streckenlänge von sagenhaften 95 Kilometern. Die Gegend um Wietze ist daher durchlöchert wie ein Schweizer Käse.

Die große Menge Öl, die damals aus den Bohrlöchern sprudelte, verlangte nach ­einer effektiven Transportmöglichkeit, da die Beförderung mittels Holzfässern und auf Pferdewagen angebrachten Tanks an seine Grenzen kam. Dieses Transportproblem wurde mit einer Pipeline gelöst, die in der Zeit um 1880 zwischen Ölheim und Peine verlegt wurde. Im Museum wird ein Relikt dieser ersten deutschen Pipeline präsentiert, das 1982 bei Bauarbeiten an der B 444 gefunden wurde.

Der große Bedarf an Arbeitskräften und die schiere Anzahl an Bohrstellen veränderten Wietze massiv. Das ehemalige Bauerndorf wuchs, und bereits im Jahre 1910 verfügte der Ort über einen Ölbahnhof, einen Ölhafen sowie eine Raffinerie. Darüber hinaus wurde ein kilometerlanges Netz von Feldbahngleisen verlegt. Direktorenvillen, Verwaltungsgebäude und Arbeitersiedlungen entstanden und der größte Öltank Europas wurde errichtet. Das Erdöl machte viele Bauern reich, auf deren Flecken Erde der kostbare Rohstoff hervorsprudelte.

Noch heute sind auf dem großen Freigelände des Museums Fragmente aus damaliger Zeit zu sehen. Nicht nur sind mehrere funktionsfähige historische Pumpen an ihrem Originalplatz zu bestaunen, auch zahlreiche weitere technische Exponate und Fahrzeuge warten darauf, eingehend erkundet zu werden.

Es liegen sogar teerartige Hinterlassenschaften herum, die Überbleibsel der damaligen Ölförderung sind. Diese vermitteln den Eindruck, dass damals der Umweltschutz wohl nicht besonders groß geschrieben wurde. Dies zeigt auch eine Trennanlage, die zu jener Zeit genutzt wurde, um das aus dem Bohrloch geförderte Gemisch aus Wasser und Öl in seine Bestandteile zu trennen. Da Öl auf dem Wasser schwimmt, wurden große Behälter genutzt, die auf unterschiedlich hohen Trägern ruhten. Diese waren mit an den höchsten Stellen angebrachten Rohren versehen, die jeweils zum nächst kleineren Behälter geneigt waren. Hier wurde auf einfachste Weise das Öl vom Wasser abgeschieden.

Die Bohrungen brachten eine unterschiedliche Ausbeute. Eine davon, die von 1915 bis 1955 genutzt wurde, brachte es auf insgesamt rund 58 000 Tonnen Erdöl. Interessant ist, dass das in Wietze geförderte Erdöl sich relativ nah an der Erdoberfläche befindet. Nur rund 300 Meter waren maximal zu bohren, um auf den kostbaren Stoff zu stoßen. Gefördert wurde das Öl anschließend im Schöpfbetrieb und zumeist mit Pumpen, deren charakteristischer „Pferdekopf“ schon vom Weiten erkennen lässt, dass hier eine Ölpumpe ihren Dienst verrichtet. Auch im Museumsfreigelände sind natürlich derartige Pumpen zu bewundern, die auf Wunsch sogar in Betrieb gesetzt werden.

Interessante Exponate

Der Besucher wird in Wietze in Sachen Erdölförderung bestens informiert. So kann er zum Beispiel ein originales Vibrator-Fahrzeug bestaunen, das in der Lage ist, Energiewellen zu erzeugen und diese in den Untergrund einzuleiten. Ähnlich einem Ultraschallgerät, das ebenfalls Schallwellen sichtbar machen kann, ist eine dazugehörende Auswerteelektronik in der Lage, die in den Boden eingebrachten Schallwellen über deren Laufzeit auszuwerten, um den geologischen Aufbau des Erdreichs zu bestimmen. Die Daten geben mit hinreichender Genauigkeit Aufschluss, ob in der Tiefe Erdöl zu erwarten ist. Um die Qualität der Messung zu steigern, wurden in der Regel bis zu sechs derartige Spezialfahrzeuge gleichzeitig eingesetzt.

Ein besonderer Hingucker ist der beeindruckende ›Turm 70‹, ein Bohrgerüst des Unternehmens Wintershall, das von 1961 bis 1986 an 32 verschiedenen Plätzen im Einsatz war. Damit wurden im Drehbohrverfahren Erdgasvorkommen in bis zu 6 000 Meter Tiefe erschlossen. Das Interessante ist, dass dieses Bohrgerüst über ein Spülungssystem verfügt, das in der Lage ist, das vom Bohrmeißel zerkleinerte Gestein in einem geschlossenen Spülkreislauf aus der Bohrung herauszutragen.

Wer sich schon immer wunderte, warum wertvolles Gas am Bohrturm einfach abgefackelt wird, bekommt als Nicht-Fachmann in Wietze endlich die Antwort: Eine Gasfackel dient dazu, Gase, die während des Bohrens und insbesondere beim Testen einer Erdgaslagerstätte auftreten, zu verbrennen, damit keine schädlichen Emissionen von der Bohrung ausgehen.

Die Suche nach Öl und Gas hat von Anfang an viele Innovationen hervorgebracht. Beispielsweise war es um die vorige Jahrhundertwende nicht üblich, die Pumpen zum Fördern des Öls mittels eines Motors direkt anzutreiben. In Wietze wurde daher stattdessen mit einer Dampfmaschine (später E-Motor) ein zentraler Kehrradantrieb durch einen Treibriemen in Bewegung gesetzt. Die Kraft zur Auf- und Abwärtsbewegung des Pumpenschwengels (Balancier) wurde von dort über ein über das Gelände am Boden entlanglaufendes Gestänge an mehrere Pumpen gleichzeitig übertragen. Eine effiziente Idee, die schmunzeln lässt und aufzeigt, dass es – egal, in welchem Zeitalter ein technisches Problem auftaucht – immer Lösungen zum Knacken technischer „Nüsse“ gibt.

Angesichts der Fülle an hochinteressanten Exponaten und den oft nicht sofort sichtbaren Besonderheiten im weitläufigen Gelände ist es sehr zu empfehlen, das Erdölmuseum Wietze mit einem kundigen Führer zu besichtigen. Damit ist sichergestellt, dass alle wichtigen Informationen erfasst und eingeordnet werden können. Nur wer den Rohstoff Öl und dessen Bedeutung für die Welt der Technik und den Wohlstand des Menschen erfasst, kann einschätzen, was ein künftiger, politisch bereits angedachter Verzicht auf diesen Rohstoff bedeuten würde.

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Diesen Artikel finden Sie auch in Heft 1/2020 auf Seite 32. Zum besagten Heft führt ein Klick auf den nachfolgenden Button!

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Mehr Informationen zum Erdölmuseum Wietze:

Kontakt  Herstellerinfo 
Deutsches Erdölmuseum Wietze
Schwarzer Weg 7-9
29323 Wietze
Tel.: 05146-92340
E-Mail.: info@erdoelmuseum.de
www.erdoelmuseum.de

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