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Der Mann, der niemals aufgab

Wer dachte, dass Erfinder ein eher beschauliches Leben führen, wird von den Lebenserinnerungen des Werner von Siemens eines Besseren belehrt. Nach der Lektüre dieses spannenden Buches steht unvermittelt die Frage im Raum, ob die Drehbuchautoren von Abenteuerfilmen, wie etwa ›Jäger des verlorenen Schatzes‹, daraus ihre Filmideen schöpften.


In der Erkenntnis, dass das Leben die spannendsten Geschichten schreibt, steckt viel Wahrheit. Als Musterbeispiel für die Richtigkeit dieser Aussage stehen die Lebenserinnerungen des Werner von Siemens. Wer die von ihm Höchstselbst niedergeschriebenen Lebenserinnerungen zur Hand nimmt, rechnet überhaupt nicht damit, in eine Welt einzutauchen, in der eher eine Romanfigur denn der Gründer eines Weltunternehmens die Hauptrolle spielt.

Ungläubig nimmt man zur Kenntnis, dass das Leben des Werner von Siemens und einigen seiner Brüder eher dem eines Indiana Jones, eines Lederstrumpf oder eines Old Shatterhand denn dem eines Otto Normalbürger glich. Das spannende Leben begann für Werner von Siemens bereits als Dreikäsehoch. Urkomisch die Beschreibung, seine Schwester mit geschlossenen Augen und stockschwingend vor einem Gänserich zu schützen. Zum Kugeln auch die Erinnerungen der ersten Zeit in der preußischen Armee. Ob Kenntnis über den Tokayer Wein, der vergeblichen Bemühung sein krauses Haar armeegerecht glatt zu bekommen, dem Gehörschaden durch Versuche mit neuen Sprengstoffen oder der Gefängnisstrafe wegen Teilnahme an einem Duell – bereits auf den ersten Seiten wechseln sich lustige mit dramatischen Handlungen ab.

Interessant ist, dass Werner von Siemens selbst im Gefängnis nicht zu bremsen war. Ihm gelang es, sich hier ein kleines Laboratorium einzurichten und einen Teelöffel aus Neusilber in wenigen Minuten mit einer schön glänzenden Goldschicht zu überziehen. Ihm machten seine Erfolge so viel Freude, dass er versuchte, eine Begnadigung um einige Tage aufzuschieben, um seine Versuche abzuschließen. Die im Gefängnis gewonnenen Erkenntnisse konnte er zu Geld machen.

Doch gab es immer wieder Zeitabschnitte, in denen er nur über sehr wenig Geld verfügte. Einmal war es so knapp bei Kasse, dass er sich nicht einmal mehr eine Briefmarke leisten konnte, um seinen Bruder Wilhelm zu bitten, ihm Geld zu schicken. Wer hätte je gedacht, dass der Gründer eines Weltkonzerns die Bitterkeit wirklicher Geldnot am eigenen Leibe verspüren musste?

Die Armut konnte durch die Hinwendung zur Telegrafie jedoch im Laufe der Zeit überwunden werden. Werner von Siemens erkannte, dass dies ein Markt mit großer Zukunft war. Er ersann verfahren, um Draht zu isolieren und entwickelte Apparate, um Nachrichten zu übermitteln. Zusammen mit dem Mechaniker J. G. Halske gründete er 1847 eine „Telegraphen Bauanstalt“. Da beide jedoch knapp bei Kasse waren, musste die dazu nötigen Geldmittel sein Vetter, Georg Siemens, gegen Gewinnbeteiligung vorstrecken.

Dass im Buch nicht nur Episoden rund um das wissenschaftliche Leben des Werner von Siemens erzählt werden, sondern auch dessen politisches Engagement sowie dessen inniges Bekenntnis zu seiner Heimat Deutschland zur Sprache kommen, machen das Werk außerordentlich lesenswert. Hier bekommt man Einblicke in das umfangreiche Handeln eines Wissenschaftlers, der sich auch politisch und gesellschaftlich mit Hingabe einbrachte. Ganz nebenbei bekommt der Leser geschichtliche Einblicke der damaligen Ereignisse, etwa der deutschen Revolution im Jahre 1848 oder dem Krieg mit Frankreich im Jahre 1870/1871.

Im Buch erwähnt Werner von Siemens auch, dass damals der Patentschutz sehr mangelhaft war, er daher nicht selten monetär und ideell bestohlen wurde. Nachahmer bauten seine Ideen ein wenig um und gaben diese dann als eigene Leistung aus. Sehr aufschlussreich auch seine Anmerkung, dass seine Theorie zur elektrischen Ladung damals selbst in naturwissenschaftlichen Kreisen keinen rechten Glauben fand, da sie gegen die in jener Zeit herrschenden Vorstellungen verstieß.

Absolut spannend auch die Schilderung vom Bau der Telegrafenlinien in Russland, was für Werner von Siemens ein Wendepunkt im persönlichen und geschäftlichen Leben war. Doch auch hier nahm er viel Mühsal auf sich: Seine Reise mit der Postkutsche konnte er nur in einer bestimmten Stellung durchstehen, um die harten Stöße der Räder abzumildern. Unterwegs musste er sogar selbst einmal in eisiger Kälte die Zügel übernehmen, da der Kutscher total betrunken war. Zu allem Überfluss erkrankte er auch noch an Masern, in deren Folge sich eine schwere Nierenentzündung einstellte, die ihn für einige Monate ans russische Krankenlager fesselte. Trotz dieser Widrigkeiten war der Bau der Telegrafenleitungen ein großer Erfolg, weshalb weitere Aufträge folgten.

Ein ganz besonders interessantes Erlebnis hatte Werner von Siemens einmal bei einem Besuch der ägyptischen Pyramiden. Nachdem er und seine Begleiter eine Pyramide erklommen hatten, verstärkte sich ein schon herrschender Wind auf Sturmstärke, was zum Aufwirbeln des Wüstenstaubs führte. Werner von Siemens erkannte, dass dadurch eine elektrische Ladung erzeugt wurde. Mit einer noch gefüllten Flasche konnte er laut klatschende Funken von einem Zentimeter Länge erzeugen, was von den ihn begleitenden Arabern als Zauberei gedeutet wurde.

Werner von Siemens war auch ein Pionier beim Legen von Unterseekabeln. Im Rahmen dieser Geschäfte erlebte er den Untergang eines Dampfers. Gestrandet auf einer unbewohnten Insel wurden er und die anderen Passagiere nur dank einer glücklichen Fügung gerettet. Eine wichtige Rolle spielte dabei ein Fernrohr, das Werner von Siemens damals extra für diese Reise von Steinheil in München hat bauen lassen.

Werner von Siemens hat viele weitere Anekdoten niedergeschrieben, die den Kauf seiner Lebenserinnerungen mehr als lohnen. Am Ende steht das Bild eines mutigen Mannes im Raum, der niemals aufgab und dank dieser Eigenschaft einen Weltkonzern schuf.

 

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Titel: Werner von Siemens Lebenserinnerungen
Autor: Werner von Siemens
Verlag: FBV
ISBN: 978-3-95972-001-4
Jahr: 2017
Preis: 9,99 Euro
www.finanzbuchverlag.de
 

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