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Lehrlinge restaurieren Quadrant

Mit raffinierten optischen Instrumenten können heute sogar weit entfernte Sonnen und deren Planeten lokalisiert werden. Der Weg dorthin war jedoch alles andere als einfach, zumal die Kirche, was die Astronomie betrifft, zwischendurch eher bremsend auftrat. Später öffnete sie sich jedoch dem neuen Weltbild und wurde zu einem wichtigen Förderer dieses Wissenschaftszweigs. Insbesondere das Kloster Ochsenhausen war lange Zeit ein Zentrum der Naturwissenschaften und verfügte sogar über einen leistungsstarken Quadranten, der von 1983 bis 1988 von Auszubildenden und Meistern des Berufsbildungswerks München restauriert wurde.


Mit der Erfindung des Fernrohrs durch den deutsch-niederländischen Brillenmacher Hans Lipperhey im Jahre 1608 wurde ein großes Fenster zum Verständnis unseres Sonnensystems aufgestoßen. Insbesondere kirchliche Kreise dieser Zeit wehrten sich jedoch anfangs vehement gegen die Erkenntnisse, die sich beispielsweise Galileo Galilei offenbarten, der viele Blicke durch das neuartige Instrument tat und das von Nikolaus Kopernikus im Jahre 1509 publizierte heliozentrische Weltbild bestätigte.

Unter Androhung der Todesstrafe musste er seine Erkenntnisse widerrufen, obwohl frühere Kirchenvertreter, wie etwa der Bischof Tiedemann Giese und Nikolaus Kardinal von Schönberg 100 Jahre zuvor die Thesen von Nikolaus Kopernikus unterstützten und diesen sogar zur Veröffentlichung drängen mussten. 1543, kurz vor Kopernikus` Tod erfolgte dann die Veröffentlichung des Hauptwerks ›De Revolutionibus Orbium Coelestium‹, das sogar dem damaligen Papst Paul III gewidmet war. Die Kirche war also nicht zu allen Zeiten gegen das Bild einer die Sonne umrundende Erde eingestellt.

Besonders aufgeschlossen dem neuen Weltbild und den Naturwissenschaften zeigten sich die Benediktiner, die in Ochsenhausen im Jahre 1788 die erste Sternwarte im süddeutschen Raum bauten. Verantwortlich dafür war der damalige Abt Romuald Weltin. Das wichtigste Instrument der Sternwarte, der Quadrant, wurde 1793 nach den Berechnungen und Entwürfen des Mönchs Pater Basilius Perger angefertigt. Dieser war Astronom und ab 1803 Professor für Astronomie in Salzburg. Der fertiggestellte Azimutalqua­drant war mit fast drei Metern Höhe der größte der damaligen Zeit.

In Folge der Säkularisation im Jahre 1803 verlor die Kirche den Besitz Ochsenhausen, der nun an den Grafen Franz Georg Karl von Metternich fiel. 1825 verkaufte dessen Sohn, Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, das Kloster für 1,2 Millionen Gulden an das Königreich Württemberg und lies fast alles Inventar abtransportieren.

So wurden unter anderem 4000 Bücher aus der umfangreichen Bibliothek mitgenommen und nach Schloss Königswart (Böhmen) gebracht. Die wertvollsten Handschriften daraus sind heute in der Prager Nationalbibliothek ausgestellt, ebenso wie große Teile des Quadranten. Das Kloster stand nun leer und war vom Verfall bedroht.

Überraschende Entdeckung

Erst 1964 bis 1992 erfolgte die Sanierung der Klosteranlage durch das Land Baden-Württemberg. Interessanterweise war zu Beginn der Renovierungsarbeiten gar nicht bekannt, dass sich in Ochsenhausen eine Sternwarte befand, da weder der Öffentlichkeit noch der „gelehrten Welt“ diese Anlage jemals vorgestellt wurde.

Entdeckt wurde die einzige noch erhaltene spätbarocke Sternwarte im Rahmen der Renovierungsarbeiten des Klosters erst im Jahre 1982 durch Dr. Alto Brachner und Dr. Hans-Reinhard Bachmann vom Deutschen Museum in München. Die Restaurierung des Quadranten war eine schwierige Aufgabe, da nur das eiserne Stützgerüst vorhanden war. Zu allem Überfluss existierten auch keine authentischen Vorlagen, an denen man sich orientieren konnte.

Eine weitere Schwierigkeit bestand darin, geeignete Unternehmen für die Restaurierung und Rekonstruktion zu finden, da nur eine übergreifende Zusammenarbeit etlicher Handwerkssparten Erfolg versprach. Es lag also nahe, beim Berufsbildungswerk in München anzufragen, da hier von den Technischen Zeichnern über die Schreiner und Schlosser bis zum Feinmechaniker alle Berufe unter einem Dach ausgebildet wurden. Ideal, um die Rekonstruktion des Quadranten von Ochsenhausen umzusetzen.

Das Besondere an einem Berufsbildungswerk ist, dass hier behinderte junge Leute zu Gesellen und Facharbeitern ausgebildet werden. Das BBW München hat sich auf gehörlose und schwerhörige Menschen spezialisiert, die hier eine hochwertige Ausbildung erhalten. Dazu kommt, dass im BBW München schon immer externe Aufträge angenommen wurden, um die Ausbildung so praxisnah wie möglich zu gestalten.

Beispielsweise konnten für das ehemalige Kloster Irsee Rekonstruktionen historischer Mikroskope angefertigt werden, wozu auch der große Erfahrungsschatz der BBW-eigenen Handbuchbinderei eingesetzt wurde.

Nachdem der Vertrag zur Renovierung des Quadranten unterzeichnet war, ging es 1985 mit der fotografischen Erfassung des damaligen Zustandes los. Dabei wurden zunächst etwa 300 schwarz-weiß-Bilder von beiden Seiten des Quadranten gemacht und dieser auf diese Weise lückenlos im Verhältnis 2:1 erfasst. Dies war eine unumgängliche Voraussetzung für den späteren Zusammenbau, denn die Reste des Quadranten mussten demontiert und im Treppenhaus des Berufsbildungswerks wieder aufgebaut werden.

Bei der Kennzeichnung der zur Demontage notwendigen Schrauben wurde festgestellt, dass der Erbauer des Quadranten vor 200 Jahren bereits Markierungen anbrachte. Dies war damals eine absolute Notwendigkeit, da es zu dieser Zeit keine Normung gab und daher jede Schraube ein leicht abweichendes Gewinde hatte. Die jeweilige Schraube passte also nur in die Bohrung, für die sie gemacht war. Damit die Schraube der Bohrung zuordenbar war, wurden Punkte, Halbmonde und viele weitere Zeichen verwendet.

Interessant ist, wie die individuellen Schrauben damals hergestellt wurden: Da es kein Schneideisen gab, wurde jedes Gewinde mit einem Handstichel auf einer Drehmaschine geschnitten. Im Gegenstück wurde eine Bohrung eingebracht und dieses glühend gemacht, ehe die Schraube mit Gewalt eingedreht wurde und die Schraube im Gegenstück ein Gewinde erzeugte. Kopfzerbrechen bereitete die Demontage des hölzernen Drehbalkens, da wegen des beschränkten Platzes in der Kuppel zunächst nicht erkennbar war, wie dieser ausgebaut werden konnte. Die Lösung: Die Kuppel musste in Richtung Ausgangstüre geschwenkt und die Beobachtungsluke geöffnet werden. Dadurch konnte die Säule durch die Luke geschoben und abgebaut werden.

Renovierung mit Hindernissen

Nachdem der Quadrant nun komplett im Treppenhaus des BBW München wieder aufgebaut war, ging es daran, die fehlenden Messingteile neu anzufertigen. Dabei orientierte man sich an historischen Vorbildern, da die Originalpläne nicht mehr auffindbar waren. Zudem standen Quadranten aus der Sammlung des Deutschen Museums als Anschauungsobjekte zur Verfügung.

Bei der Rekonstruktion waren jede Menge Ideen gefragt, damit diese gelingen konnte. So wurde beispielsweise extra eine Vorrichtung gebaut, an dessen Ende eine Handbohrmaschine befestigt war. Mit deren Hilfe konnten die großen Radien der Messingteilkreise exakt herausgearbeitet werden.

Auch die Konstruktion des Fernrohrs brachte größere Schwierigkeiten, da keine Maßangaben vorhanden waren. Auch hatte man keine genaue Vorstellung von der mechanischen Funktion. Aus diesem Grund flog das BBW-Team 1986 nach London, um sich im National Maritime Museum von Greenwich Ideen von den beiden dort installierten Mauerquadranten von E. Halley und J. Bird zu holen. Mit den dort gemachten Vermessungsergebnissen und Fotografien wurden im BBW schrittweise technische Zeichnungen mit Hilfe moderner CAD-Anlagen erstellt, die die Grundlage für die Anfertigung der noch fehlenden Teile des Quadranten von Ochsenhausen bildeten.

Lehrlinge der Abteilung ›Feinmechanik‹ setzten diese geschickt in reale Teile um. Die Optik des Quadranten entwickelte das Unternehmen Rodenstock in München. Dabei wurde bewusst vom Original abgewichen. Der Grund ist, dass damalige Fernrohre wegen ihrer Konstruktion mit nur zwei Linsen starke Farbfehler besaßen. Der Nachbau sollte jedoch benutzbar sein, weshalb man das Fernrohr mit einem achromatischen Zweilinser-Objektiv und ein Ramsden-Okular ausstattete. Statt einer Vergrößerung von 10 erreichte man dadurch einen Vergrößerungsfaktor von 34 und hatte zudem nicht mit Farbfehlern zu kämpfen.

Darüber hinaus wurde an der Stelle des reellen Zwischenbildes im Mikrometerkasten eine gläserne Strichplatte eingesetzt. Dieser Mikrometermaßstab ist im Bildfeld sichtbar und erlaubt aus der bekannten Vergrößerung des Fernrohrs Rückschlüsse auf Größe beziehungsweise Entfernung eines Objekts, wenn eine dieser beiden Größen bekannt ist.

Gewusst wie

Im Berufsbildungswerk wurde auch eine fehlende Flaschenzugskonstruktion neu angefertigt, die verhinderte, dass das Fernrohr nach dem Lösen der Klemmung nach unten schwingt und zerstört wird. Die Gradeinteilung der Ableseskalen wurde per CAD ermittelt und mittels eines Plotters exakte Schablonen erstellt. Als Anreißschiene zum Übertragen der Skala auf die Messingteilkreise diente das Fernrohr zusammen mit einem zusätzlichen Lineal.

Ein Graveur konnte danach die eingerissenen Linien vertiefen und um Zahlen für die Skala ergänzen.Alle Teile wurden nach Fertigstellung und Demontage mit klarem Acryllack konserviert und zusätzlich mit säurefreiem Öl nachbehandelt. Die Holzsäule wurde von Schmutz und Schmierereien befreit und mit einer Mischung aus heißem Bienenwachs und Terpentin eingelassen.

In diesem frischen Outfit trat der Quadrant seine Heimreise nach Ochsenhausen an, wo er montiert wurde und seither auf Besucher wartet, um von den Anfängen der Astronomie ebenso zu erzählen, wie von der überragenden Leistung, zu der Menschen mit Behinderung fähig sind.

 

Mehr Informationen:

Kontakt  Herstellerinfo 
Kloster Ochsenhausen
Schlossbezirk 6
88416 Ochsenhausen
Tel.: +49(0)73 52.92 20 26
www.kloster-ochsenhausen.de

Mehr Informationen:

Kontakt  Herstellerinfo 
Berufsbildungswerk München für Hör- und Sprachgeschädigte
Musenbergstraße 30 - 32
81929 München
Telefon: 089 / 95728 - 0
Fax: 089 / 95728 - 4000
E-Mail: oeffentlichkeitsarbeit@bbw-muenchen.de
www.bbw-muenchen.de
 

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