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Kein Regenbogen hält ewig

Gedanken zu Südafrika

Seit siebzehn Jahren lebt Dr. Hans Hofmann-Reinecke in Südafrika, in der Nähe von Kapstadt, und hatte in dieser Zeit viel Gelegenheit, auf rhetorische oder authentische Fragen seiner Landsleute zu reagieren: „Hat sich denn seit Mandela wirklich etwas geändert?“, „Wie kann man mit dieser Kriminalität nur leben, wenn man sich hinter Mauern und Stacheldraht verkriechen muss?“, „Dürfen denn Schwarze jetzt auch Ärzte oder Rechtsanwälte werden?“, „Ist Südafrika jetzt endlich demokratisch?“ Diese Sorgen macht man sich um Südafrika. Warum eigentlich nicht um Gabun oder Malawi oder Nigeria?

Südafrika scheint irgendwie etwas Besonderes zu sein, darum lassen Sie uns dieses Land genauer ansehen. Es könnte sein, dass Sie, lieber Leser, den Eindruck gewinnen, Südafrika sei nicht etwas anders, als Sie es sich vorgestellt hatten, sondern vollkommen anders. Dann kann man nur sagen: „Welcome to the Club.“

Es handelt sich bei diesem Text nicht um eine wissenschaftliche Arbeit (daher auch keine Quellenangaben), aber ich wage zu behaupten, dass meine Aussagen richtig sind, wenn auch nicht immer auf die letzte Kommastelle oder Jahreszahl genau. Aber besser „ungenau und richtig“ als „genau und falsch“.

Der Schwarze Kontinent damals

An einem ganz normalen Tag im Jahre 1950 gab es in Afrika rund 50 Staaten. Mit den Ausnahmen Liberia, Äthiopien und Südafrika waren sie alle europäische Kolonien. Typischerweise hatte sich Frankreich die Ländereien im Westen des Kontinents einverleibt, das Vereinigte Königreich den Osten. Sie können das heute noch daran erkennen, ob die Autos rechts oder links fahren. Diese Angewohnheit wurde von den Kolonialherren übernommen. In Kairo hat übrigens noch niemand herausgefunden auf welcher Seite gefahren wird.

Neben diesen beiden klassischen Kolonialmächten waren auch Portugal, Spanien und Belgien mit von der Partie. Letzteres hatte sich den Großteil des Kongos einverleibt (70-mal so groß wie Belgien) und zum persönlichen Eigentum von König Leopold II gemacht. Deutschland hatte, nach zwei verlorenen Weltkriegen, keine Kolonien mehr.

Natürlich wurde die Politik Afrikas zu dieser Zeit von den Kolonialherren bestimmt, deren militärische und administrative Präsenz dafür sorgte, dass das „Mutterland“ maximalen Nutzen in Form von Rohstoffen aus dem Land ziehen konnte. Die afrikanische Bevölkerung selbst hatte keine politischen Rechte. Zu unserem Stichtag gab es nicht eine einzige Demokratie auf dem afrikanischen Kontinent.

Mitte der Fünfziger Jahre setzte dann die Götterdämmerung des Kolonialismus ein. In allen Ländern formierten sich Gruppen, die Freiheit und Selbstbestimmung für die Afrikaner forderten. Diese Gruppierungen kämpften nicht nur gegen die Kolonialherren, sondern auch unter einander um die Pole Position, in der Absicht, bei der zu erwartenden Machtübernahme ganz vorne zu stehen. Dieser Wandel fand vor dem Hintergrund des Kalten Krieges statt: die USA und UdSSR griffen mehr oder weniger offen in die Kämpfe ein und versuchten Regimes zu installieren, die den eigenen Interessen entsprachen.

Die Gefangennahme und Ermordung des von der Sowjetunion unterstützten Kandidaten im Kongo, Patrick Lumumba, angeblich mit Beteiligung der CIA, sorgte seinerzeit in Europa für Aufsehen, es war aber keineswegs der einzige Fall, in dem der Stellvertreterkrieg der Großmächte ein afrikanisches Opfer forderte.

Das waren keine guten Voraussetzungen für den Start in die neue Zeitrechnung. Dennoch waren der Kontinent und die Welt voller Euphorie für die „Afrikanische Renaissance“, die mit dem Ende des Kolonialismus nun anbrechen sollte.

Was ist daraus geworden? Wie sieht es heute mit Menschenrechten, Demokratie und Wohlstand auf dem Schwarzen Kontinent aus - ein halbes Jahrhundert nachdem die Kolonialherren ihn verlassen haben?

Afrika heute – ein Demokratie-Test

Machen wir einen groben „Demokratie Check“. Typische demokratische Verfassungen sehen für alle vier bis fünf Jahre eine Wahl des Regierungschefs vor. Die längste kontinuierliche Demokratie, die USA, haben in den 231 Jahren seit 1789 45 verschiedene Präsidenten gehabt, im Durchschnitt war deren Verweildauer im Amt also rund 5 Jahre. Die Bundesrepublik hat in den 71 Jahren seit ihrer Gründung 19-mal gewählt und dabei 8 verschiedene Kanzler/innen ernannt. Also: Verweildauer im Amt durchschnittlich 9 Jahre.

Das muss nicht das Maß aller Dinge sein, aber wenn einer ewig an der Macht ist, dann kommt der Verdacht auf, dass nicht er für seinen Staat da ist, sondern der Staat für ihn. Robert Mugabe etwa regierte von 1980-2017 die Republik Zimbabwe. Er gehört zu den reichsten Männern dieser Erde und sein Volk zu den ärmsten. Wer ist wohl für wen da? War Mugabe eine unrühmliche Ausnahme?

Afrika besteht auch heute aus rund 50 Staaten – fast alles so genannte Demokratien, Republiken oder sogar „Demokratische Republiken“ (als Deutsche horchen wir bei diesem Etikett sofort auf) – die vor 50 bis 60 Jahren unabhängig von ihren Kolonialherren wurden. Verfassungsmäßig sollte jeder Staat seither rund 10 Wahlen und, wenn man mit westlichen Demokratien vergleicht, rund 5 Regierungswechsel gehabt haben, bei denen ein amtierendes Staatsoberhaupt abgewählt wurde. Hochgerechnet auf die 50 Staaten hätten in Afrika seit der Befreiung vom Kolonialismus 250 friedliche Regierungswechsel stattfinden müssen; es sind aber kaum zehn bekannt.

Wie kann das sein? Trotz demokratischer Verfassung werden Machtwechsel in Afrika durch Gewehrkugeln und nicht durch Wahlzettel entschieden („Bullets beat Ballots“). Demokratie ist eine sehr seltene Ausnahme. Das war im „Arabischen Frühling“ nicht anders, von dem naiver weise das Erblühen demokratischer Zustände im Norden des Kontinents erwartet wurde.

Noch eine andere zahlenmäßige Betrachtung: nach Afrika sind seit Ende des Kolonialismus insgesamt rund eine Billion (das sind eine Million Millionen) Dollar an Entwicklungshilfe geflossen. In diesem Zeitraum wurde etwa der gleiche Betrag aus Afrika heraus auf Konten in anderen Kontinenten transferiert, und zwar nicht in Form vieler $100 Beträge von Kleinanlegern, die ihr Geld krisensicher parken wollten, sondern es waren die Bokassas, Mobutus und Kabilas, die für die „Zeit danach“ Vorsorge getroffen haben. So gesehen hätte man die „Entwicklungshilfe“ dann auch gleich auf deren Konten überweisen können.

Fazit: In den zwei Generationen seit Ende des Kolonialismus haben sich die Verhältnisse für die Massen in Afrika nicht verbessert. Diktatur und extreme Armut sind heute, in den meisten Ländern, vorherrschende Lebensbedingungen. Bürgerkriege zwischen rivalisierenden Stämmen und Fraktionen haben unzählige Menschenleben gekostet. Allein in Ruanda wurden 1994 innerhalb von 100 Tagen zwischen 500 000 und einer Million Menschen mit Macheten zu Tode gehackt. Es hätte nicht schlimmer kommen können.

Südafrika – irgendwie anders?

„Subsahara“, das ist der afrikanische Kontinent ohne seine Mittelmeerstaaten und ohne die Länder, die voll in der Sahara liegen, wie Tschad oder Niger. Südafrika ist der südlichste dieser rund 35 Subsahara-Staaten. Sein Bruttosozialprodukt war 2010 etwa so hoch wie das der restlichen 34 zusammen. Andere Indikatoren unterstützen diese Statistik: von den 50 größten Unternehmen auf dem gesamten afrikanischen Kontinent waren 35 in Südafrika angesiedelt; ein Drittel der Elektrizität Afrikas wurde hier erzeugt und verbraucht.

Dabei ist Südafrika weder das größte noch das bevölkerungsreichste Land. Hier leben 4,5% der 1,3 Milliarden von Afrikas Bevölkerung. Der Kongo (DRC) ist über doppelt so groß und Nigeria hat mehr Einwohner. Südafrika ist zwar mit Bodenschätzen wie Gold, Platin und Diamanten reichlich gesegnet, aber so sind es auch andere Länder. Woher also die wirtschaftliche Sonderstellung? Lassen Sie uns einen ganz kurzen Blick in die Geschichte des Landes werfen.

Wir steigen im 17. Jahrhundert ein, als holländische Schiffe in großen Mengen Tee von Indien oder Ceylon nach Europa brachten. Mangels Suez-Kanal führte ihr Weg um ganz Afrika herum. Da bot sich die Südwestspitze des Kontinents als Station an, um Pause zu machen um neue Vorräte zu bunkern. Man kam ins Geschäft mit den dort lebenden Schwarzen, aber man erkannte auch, dass es effizienter wäre, wenn man dort eine permanente Station einrichtete, welche Lebensmittel für die anlegenden Schiffe vorrätig hielt.

Das tat man dann 1652. Das Projekt weitete sich aus, und man startete eigene Landwirtschaft in der Region, in der sich nach und nach abenteuerlustige Europäer mit ihren Familien ansiedelten. Sie kamen aus Deutschland, Frankreich und England, aber hauptsächlich aus Holland; daher setzte sich auch diese Sprache durch, und entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu „Afrikaans“.

Die Einwanderer waren nicht als Beamte oder Militärs im Auftrag einer europäischen Regierung unterwegs, sondern es waren Bauern und Handwerker, die auf eigene Faust kamen. Sie nannten sich stolz „Buren“ (=Bauern) und hatten ihre Zelte in der alten Heimat abgebrochen. Sie waren gekommen um zu bleiben. Dazu gesellten sich unter anderem auch Hugenotten, die aus religiösen Gründen Frankreich verlassen mussten und die erfreulicherweise den Weinbau in die Region brachten. Es war mehr als genug Platz für alle da, sodass man sich mit den Afrikanern nicht ins Gehege hätte kommen müssen. Dennoch gab es immer wieder Kämpfe.

Die Einwanderer waren der Urbevölkerung technisch und kulturell weit überlegen. Letztere besaßen keine Schrift, nur primitive Werkzeuge und bestenfalls Lehmhütten, sofern sie nicht Jäger und Sammler waren, die ohne Dach über dem Kopf auskamen, wie etwa die „San“. Die Immigranten kamen aus einer Welt, in der es steinerne Häuser gab, riesige Kathedralen und Paläste, seetüchtige Schiffe, Pferd und Wagen, wo Isaac Newton an der mathematischen Formulierung der Physik arbeitete und JS Bach am wohltemperierten Klavier.

Die europäischen Einwanderer konnten auch erfolgreicher wirtschaften als die schwarze Bevölkerung und es bot sich für letztere an, sich als Knechte bei den Einwanderern zu verdingen. Dabei verloren Sie Freiheit und gewannen Sicherheit. Sie brauchten jetzt nicht mehr jeden Tag zu bangen, ob sie Wasser fänden, denn bei den europäischen Bauern gab es Brunnen. Aber sie waren zu Knechten geworden.

Es kam aber die Zeit, als die englische Krone begann, sich für die Region Südafrika – einen Staat mit diesem Namen gab es damals noch nicht – zu interessieren. Zuerst wurde das strategisch wichtige Kap besetzte und dann versuchte man auch den wirtschaftlich interessanten Norden zu erobern, wo man gerade Gold und Diamanten entdeckt hatte.

Der letztere Schritt war nicht einfach, denn die Buren wehrten sich geschickt und tapfer. Im ersten „Burenkrieg“ (Anglo - Boer War, 1880)) wurden die zahlenmäßig überlegenen britischen Truppen nicht nur geschlagen, sondern gedemütigt. Sie hatten ihren Gegner, der hier um seinen Lebensraum kämpfte, völlig unterschätzt.

Es folgte ein zweiter Krieg, in den die Briten ein Herr von über 100.000 Mann gegen eine Buren-Bevölkerung von einer Million schickten, und der von 1899 bis 1902 mit gnadenloser Härte geführt wurde. Der Krieg wurde zwar von den Briten gewonnen, aber sicherlich nicht glorreich. So hatte die Internierung der Zivilbevölkerung in „Concentration Camps“ tausende von Toten durch Hunger und Krankheit zur Folge gehabt.

Die Sieger definierten das Land der Buren zunächst als „Dominion of the British Empire” und gaben ihm den Namen „Union of South Africa“. Repräsentatives Staatsoberhaupt war ein Gouverneur der Britischen Krone, die Regierungsgeschäfte wurden einem burischen Prime Minister übertragen. Der erste war Louis Botha 1910, der letzte Frederik Willem de Klerk, der 1994 sein Amt an Nelson Mandela übergab.

In dieser Zeit war aus dem „Dominion“ ein souveräner Staat geworden, der aber Mitglied des Commonwealth blieb. Sie merken das heute noch daran, dass südafrikanische Internet Domain Namen auf „.co.za“ enden. Dabei steht „co“ für Commonwealth und „za“ für Zuid Afrika.

Apartheid

1950 hatte das Land 16 Millionen Einwohner, davon 20 Prozent Weiße (heute sind es 58 Mio. und zehn Prozent Weiße). Zu diesem Zeitpunkt herrschte – so wie fast überall auf dem afrikanischen Kontinent – die vollständige rassische Diskriminierung der afrikanischen Bevölkerung. In Südafrika kam man nun auf die Idee, diese Unterdrückung formell zu legalisieren. Es wurde eine Reihe von Gesetzen erlassen, welche die räumliche Trennung von Schwarz und Weiß festlegte. Schwarze, die sich in weißen Gebieten aufhielten, mussten einen Pass mit sich tragen. Voraussetzung dafür konnte eine Anstellung in einer Firma, auf einer Farm oder in einem weißen Haushalt sein. Wer keiner derartigen Arbeit nachging wurde in eine von etwa zwanzig speziellen Regionen des Landes umgesiedelt, so genannte Homelands.

Dieses „legalisierte Unrecht“ war Grund bzw. Vorwand, dass Südafrika de facto aus der internationalen Völkergemeinschaft ausgestoßen wurde. Es gab Handelsbeschränkungen und den South African Airways war es nicht mehr erlaubt, andere afrikanische Länder zu überfliegen. Aber die Buren waren es gewohnt, auf sich allein gestellt zu sein und Widerständen zu trotzen. Einigen von ihnen war es ja im 18. Jahrhundert mit den Briten am Kap zu eng geworden und sie zogen als „Trek-Buren“ nach Nordosten, in karges und wasserarmes Gelände.

Die Ausrüstung einer Familie umfasste ein Pferd, einen Wagen, ein Gewehr und eine Bibel. Die erste Generation fand den Tod, die zweite die Not, die dritte das Brot. Aber sie erschlossen schließlich neue Regionen und wurden dort sesshaft. Diese Widerstandsfähigkeit kam ihnen während der internationalen Isolation, 200 Jahre später, zu Gute. Wirtschaft und Wissenschaft (erste Herz Transplantation in Kapstadt 1967) waren auf europäischem Niveau, und der Lebensstandard auch – für die Weißen zumindest.

In der schwarzen Bevölkerung aber wuchs die Unzufriedenheit mit der eigenen Situation, und, motiviert durch die Abschaffung der Kolonialherrschaft in den Nachbarländern wurden Bekundungen gegen die Apartheid laut und lauter. Der African National Congress (ANC), die Inkatha Freedom Party (IFP) oder der Pan African Congress (PAC) organisierten die Freiheitsbewegung. Der PAC initiierte am 21. Mai 1960 eine öffentliche Massenverbrennung der verhassten Pässe durch ihre schwarzen Besitzer. Als die Kundgebung ausuferte griff die weiße Polizei ein und erschoss 69 Teilnehmer. Das nach dem Ort benannte „Sharpeville Massaker“ wurde zum Symbol für die Grausamkeit des Apartheid Regimes. Das Datum ist heute der „Human Rights Day“ in Südafrika.

Aber nicht nur mit dem inneren Feind hatte das weiße Südafrika zu kämpfen, auch von außen wurde es angegriffen. Das von portugiesischer Herrschaft befreite Angola attackierte seinen südlichen Nachbarn Namibia, der damals zu Südafrika gehörte. Truppen aus der DDR und aus Kuba halfen fleißig mit. Der „Border War“ dauerte schließlich 24 Jahre, von 1966 bis 1990. Dabei stand Südafrika, ohne einen Verbündeten, indirekt der Sowjetunion gegenüber und mit dem Rücken gegen die Wand. In dieser Situation begann man Atomwaffen zu entwickeln und hatte schließlich 6 Bomben, von denen eine vermutlich 1979 über dem Südatlantik zwischen Kap und Antarktis getestet wurde. Zu Ihrer Beruhigung: die übrigen fünf Bomben wurden inzwischen unschädlich gemacht.

Es ist erstaunlich, welche Leistungen das Land in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und technischer Hinsicht in dieser Zeit erbracht hat. Man muss bedenken, dass die schwarzen Afrikaner daran nur als billige Arbeitskräfte, nicht aber als Landwirte, Manager, Ingenieure oder Wissenschaftler beteiligt waren. Letztere mussten sich aus der weißen Bevölkerung rekrutieren, die damals etwa so viele Köpfe zählte wie Berlin heute. Was die moralische Qualität dieser Epoche anbelangt, das steht allerdings auf einem anderen Blatt. Aber dazu ist überall auf der Welt bereits genug gesagt worden.

Die Wende

In den 80er Jahren wurde deutlich, dass eine schwarze Mehrheitsregierung in Südafrika langfristig nicht aufzuhalten war. Man wollte aber auf jeden Fall verhindern, dass diese Regierung kommunistisch würde. Die Sowjetunion hatte zu jener Zeit starke Bande zu den Anführern der Widerstandsbewegung geknüpft und sie sowohl ideologisch indoktriniert als auch großzügig mit Handfeuerwaffen versorgt.

Da kam Südafrika zum ersten Mal die Weltgeschichte zu Hilfe: der Fall der Berliner Mauer und die Auflösung der Sowjetunion. Kommunistische Bedrohung war ab 1989 kein Thema mehr.

So wurde am 11. Februar 1990 Nelson Mandela, Führer der stärksten schwarzen politischen Gruppierung ANC, aus der Haft entlassen. In den folgenden Jahren wurde in intensiven Diskussionen zwischen ANC und der weißen Regierung unter F.W. de Klerk die Roadmap für einen friedlichen Übergange auf eine Mehrheitsregierung entworfen. Am 10. Mai 1994 trat Mandela sein Amt als erster, von der gesamten südafrikanischen Bevölkerung gewählter Staatspräsident an.

Dieser weitgehend friedliche Übergang war eine gigantische politische Leistung von de Klerk und Mandela; ihren Friedens-Nobelpreis haben sie wahrlich verdient. Es war aber nur der erste Schritt. Mandela sah sich jetzt mit den Erwartungen der schwarzen Massen, die ihn gewählt hatten, konfrontiert. Sie wollten sofortigen Wohlstand und Vergeltung für das erlittene Unrecht während der Apartheid. Ersteres war unrealistisch, letzteres wäre unklug gewesen, denn man brauchte die Weißen weiterhin. Enteignungen und Schauprozesse, wie sie von extremen Gruppen gefordert wurden, hätten zur Katastrophe geführt.

Versöhnen war die Devise, nicht aber Vergessen. Um die Vergangenheit aufzuarbeiten wurde die „Truth and Reconciliation Commission“ (TRC) etabliert, welche die Verbrechen der letzten Jahre Apartheid aufzudecken hatte. Täter wurden aufgefordert, über die eigenen Vergehen auszusagen. Im Gegenzug wurde ihnen Straffreiheit zugesichert. Wenn also etwa ein früherer Angehöriger der Geheimpolizei berichtete, wie er einen schwarzen Revolutionär verfolgte und letztlich „liquidierte“, so konnte er anschließend als freier Mann wieder auf die Straße. Das gleiche galt für einen schwarzen ANC Aktivisten, der einen Inkatha Rivalen mit Benzin übergossen und angezündet hatte.

Präsident der TRC war Desmond Tutu, die andere überlebensgroße Figur aus dem schwarzen Freiheitskampf. (Seine Kommission nahm ihre Arbeit vermutlich ernster als ihr deutsches Pendant, die Gauck-Behörde.) Kurzfristig kreierte das TRC zwar zahlreiche Konflikte, langfristig sorgte es aber dafür, dass die Toten jetzt ruhen konnten und nicht mehr aus ihren Gräbern kamen.

Mandela startete eine weitere Initiative zur Versöhnung der Rassen, die Geschichte gemacht hat. Dazu muss man wissen, was für weiße Südafrikaner die wahre Religion ist: Rugby. Das Land war 1995 Gastgeber für den Worldcup. Für Schwarze waren Rugby, die Nationalmannschaft (mit nur einem einzigen schwarzen Spieler) und deren Jersey mit dem Springbock-Emblem die Verkörperung des arroganten, weißen Überlegenheitsanspruchs. Mandela schloss nun mit dem Kapitän der Nationalmannschaft, Francois Pienaar, einen Pakt, um die schwarze Bevölkerung für den Sport zu gewinnen. Das Team besuchte Slums und die Kids bekamen Training.

Und das Glück der Tüchtigen stand ihnen bei, Südafrika kam ins Endspiel gegen den Erzrivalen Neuseeland. Vor Anpfiff stellte sich Mandela aufs Spielfeld und zog vor den Augen von 60.000 Zuschauern das bei den Schwarzen so verhasste Springbock-Jersey der Nationalmannschaft an. Ein Jumbo der SAA flog verboten niedrig über das Stadion, mit den Worten „Good Luck Bokke (=Springboks)“ unten auf die Tragflächen gepinselt. Die Bokke gewannen tatsächlich und wurden Weltmeister. Schwarz und Weiß lagen sich zum ersten Mal in den Armen.

Diese Story wurde von Clint Eastwood verfilmt, mit Morgan Freeman (Mandela) und Matt Damon (Pienaar). Die SA Nationalmannschaft, der Kapitän und Mandela haben bei der Entstehung des Films beraten und es ist ein schönes „Sittenbild“ aus der Zeit nach der Wende entstanden mit dem Titel „Invictus“.

Die neue Realität

Während Mandela auf der ganzen Welt als Heiliger gefeiert wurde war er in seiner Heimat ein Gott. Götter haben eine Schwäche: weil sie unsterblich sind bauen sie keinen Nachfolger auf. Die Männer, die dann ab 1999 in seine Fußstapfen traten hatten weder seine Bildung noch sein menschliches Format. Mandela sah in der Unterschiedlichkeit der Kulturen und Rassen großes Kapital für das Land. Wenn da jeder sein Bestes gab, so unterschiedlich das auch sein mochte, dann würde die Rainbow Nation Wirklichkeit werden. Seine Nachfolger waren weniger visionär, insbesondere Jacob Zuma. Er war provinziell, seiner Zulu-Abstammung sehr verbunden und an europäischer Kultur nicht interessiert. Damit lag er voll im Trend seiner Partei ANC.

In seinen Nachfolger, den aktuellen Präsidenten Ramaphosa wurde anfangs große Hoffnung gesetzt, aber er konnte sich bisher gegen seine Gegner im ANC nicht behaupten.

Man versucht die Weißen demographisch an die Wand zu drücken. 1995 hatte das Land 40 Mio. Einwohner, 2020 sind es 59 Mio. Während die weiße Bevölkerung bei etwa 4 Mio. konstant geblieben ist, wuchs der nichtweiße Anteil von 36 auf 55 Mio. Dieser Zuwachs wurde zum Großteil durch Immigration aus Nachbarländern, insbesondere Zimbabwe, Malawi und Nigeria verursacht. Zu den Bruderländern stehen die Tore für Immigranten weit offen, während es für europäische Eiwanderer immer schwieriger wird. Letztere müssen ein Vermögen von mehreren 100.000€ nachweisen um hier ihren Wohnsitz aufschlagen zu dürfen.

Nur wenige der schwarzen Einwanderer würden diese Anforderung erfüllen. Es sind die Ärmsten der Armen, die hoffen, in den Slums von Johannesburg oder Kapstadt bessere Bedingungen zu finden als in ihrer Heimat, in der es niemals Apartheid gegeben hat, die seit über 50 Jahren vom Kolonialismus befreit sind und die seither „eigene“ Regierungen haben. Diese Völkerwanderung verewigt die Slums: wenn eine Familie das Township verlässt um in ein steinernes, von der Regierung zur Verfügung gestelltes Haus zu ziehen, dann stehen die Immigranten schon Schlange, um den leeren Platz im Slum zu besetzen. Das ist auch ein Grund, warum sich die „Schere zwischen Arm und Reich“ immer mehr öffnet.

Um für die Schwarzen nun Beschäftigung zu schaffen hat man einen radikalen Weg eingeschlagen: im öffentlichen Dienst wird ausschließlich nach Hautfarbe eingestellt. Bei Polizei, Ämtern, etc. finden Sie heute keinen Weißen mehr. Für staatliche Firmen, etwa die Fluggesellschaft SAA oder die Elektrizitätsgesellschaft ESKOM, gilt das Gleiche; allerdings findet man nicht immer für alle Positionen qualifizierte Bewerber mit der richtigen Hautfarbe, etwa Flugkapitäne oder Atomingenieure. Das hat allerdings den ehemaligen Minister für öffentliche Unternehmen, Malusi Gigaba, zu dessen Bereich auch die staatliche Airline gehört, und der vom Fliegen so viel Ahnung hat wie ein Maulwurf, nicht daran gehindert, sich eine Kapitänsuniform schneidern zu lassen und damit ins Parlament einzumarschieren.

Qualifizierte schwarze Topmanager für die Leitung der staatlichen Konzerne zu finden scheint kein Problem zu sein. Das führt dann dazu, dass Vorstand und oberes Management fast ausschließlich schwarz sind, die technisch anspruchsvolle Mittelschicht ist eher weiß, und bei den einfachen Arbeitern wird es wieder schwarz. Der Aufbau ähnelt einer Schichttorte: oben Schokolade, in der Mitte Sahne und unten wieder dunkle Schoko. Private Unternehmen werden durch das Black Economic Empowerment (BEE) dazu gezwungen, bestimmte Quoten an Schwarzen in allen Ebenen einzustellen.

Diese Politik fördert natürlich nicht unbedingt das Leistungsprinzip, und das hat Konsequenzen im täglichen Leben. In letzter Zeit gibt es häufig Stromausfälle. Die früher störungsfrei funktionierende Elektrizitätsversorgung durch Eskom ist heruntergewirtschaftet, weil das Geld für Wartungsmaßnahmen „gespart“ wird oder weil bei der Revision der Dampfturbine eines Kernkraftwerkes schon mal eine Schraube vergessen wird und die ganze Geschichte dann auseinander fliegt.

Mit der Wende hat sich im Lande auch das „African Disease“ verbreitet. Korruption ist endemisch, im Großen wie im Kleinen. Wenn man eine Chance haben will, die Führerscheinprüfung zu bestehen, dann legt man dem Prüfungsbogen besser etwas Bares bei.

Für weiße Hochschulabgänger wird es allerdings schwierig Arbeitsplätze zu finden und die besten unter ihnen wandern aus; nach Kanada, Australien oder Neuseeland. Wird das Land diesen „Brain Drain“ verkraften? Wer weiß…

Die Kriminalität hat dramatisch zugenommen seit der Wende; offizielle Statistik gibt es nicht bzw. wird nicht veröffentlicht. Hier aber ein Ausschnitt einer Umfrage, welche die „Cape Times“ vor einigen Jahren unter Schulkindern über Zustände zu Hause in einem der Slums durchführte:

Ninety-seven per cent of children surveyed reported hearing gunshots, nearly half had seen the dead body of a stranger and nearly as many the dead body of a relative, or somebody they knew, which had died from unnatural causes. Many had seen people being shot or stabbed, and more than a third of them had seen somebody shot or stabbed in their own homes. Several had themselves been shot, stabbed or raped, or had been threatened with a gun or a knife.”

Das ist die Kriminalität von Schwarzen an Schwarzen. Gewalt von Schwarz an Weiß ist um Größenordnungen geringer, aber auch diese Zahlen liegen vermutlich über der Statistik europäischer Großstädte.

Somewhere over the Rainbow

Sie haben sicher schon selbst beobachtet, dass ein Regenbogen nicht ewig hält. Wie wird es wohl dann mit der Regenbogen-Nation weitergehen? Lassen Sie uns drei Szenarien betrachten.

Variante 1: aus der aktuellen ein-Partei-Demokratie entwickelt sich echte Demokratie, in der, neben dem ANC, andere Parteien, wie die „Democratic Alliance“ (DA) bestimmenden Einfluss nehmen. Die BEE Gesetze werden allmählich abgeschafft, Leistung bekommt Priorität vor der Hautfarbe.

Variante 2 ist eine Fortsetzung der gegenwärtigen Situation: die offizielle Politik wird ausschließlich von Schwarzen bestimmt, aber hinter den Kulissen wird von weißen Beratern und internationalen Konzerne und zunehmend auch durch chinesische Unternehmen kräftig Einfluss genommen. Die Schere zwischen Reich und Arm bleibt bestehen, aber die schwarze Mittelklasse wird etwas stärker.

Variante 3 wäre der afrikanische Weg: radikale Kräfte bekommen die Oberhand und drohen oder beginnen mit der Enteignung weißer Farmen und internationaler Unternehmen. Die weiße Bevölkerung sinkt von sieben Prozent auf ein Prozent. Innerhalb des ANC kommt es zu Machtkämpfen und schließlich zu offenen Feindseligkeiten und Straßenschlachten. Ausländische Unternehmen ziehen sich zurück. Die Wirtschaft geht auf die Hälfte des heutigen Volumens zurück, die Kriminalität steigt weiter an.

Welche Wahrscheinlichkeiten haben jeweils die drei Varianten? So wie Wasser, wenn man es alleine lässt, den Naturgesetzen folgt und in jedem Gelände immer die tiefste Rinne findet, um dort zu fließen, so bewegt sich eine Gesellschaft spontan auf das niedrigste politische Niveau, falls nicht die Demokratie tief in der Bevölkerung verankert ist (wie z.B. in England oder USA) oder eine starke Persönlichkeit sie vor dem Verfall bewahrt (wie eben Nelson Mandela). Dass aber schon wieder solch ein Ausnahmepolitiker wie er in den kommenden Jahren erscheint, das wäre zu viel verlangt. Dass die Demokratie tief in der afrikanischen Bevölkerung verankert wäre, das wiederspräche wiederum der Beobachtung.

In diesem Sinne wäre es realistisch, der ersten Variante bestenfalls 1% Wahrscheinlichkeit zuzuschreiben, und den Varianten zwei und drei jeweils 49% bzw. 50%. Es ist schade, dass es so ist, denn die konstruktive Synthese der verschiedenen Fähigkeiten und Kulturen hätte das Potenzial für Spitzenleistungen gehabt.

Schlussgedanken

Trotz allem ist Südafrika, ohne Frage, das attraktivste Land des Kontinents, vielleicht sogar der Erde. Wem hat es das zu verdanken? Niemand anderes als Nelson Mandela ließ daran keine Zweifel: „Den Buren“. Diesem Volk, von dem man im Ausland so wenig weiß und wenn, dann nur das Böse, soll ein Gedicht von Theodore Roosevelt gewidmet sein.

DER MANN IN DER ARENA

Es ist nicht der Kritiker der zählt,
nicht der, der mit dem Finger zeigt, wie der Starke strauchelt.

Die Ehre gebührt dem, der selbst in der Arena steht,
das Gesicht voll Sand, Schweiß und Blut; der tapfer kämpft;
der sich wieder und wieder irrt und der sein Ziel verfehlt,
der sich in totaler Hingabe für eine Sache verbraucht, die es wert ist;

und der am Ende, im besten Fall, den Triumph des Erfolges erfährt,
und schlimmstenfalls, falls er scheitert, doch scheitert während er alles wagte, sodass sein Platz nie unter jenen ängstlichen und kalten Seelen sein wird,
die weder Sieg noch Niederlage jemals kennengelernt haben.

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