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Die weit bessere Art, zu erziehen

Kinder wieder Kinder sein lassen

Richtig erzogene Kinder sind die Basis einer gesunden Gesellschaft. Nicht zuletzt Industrienationen sind auf fitten, seelisch gefestigten und klugen Nachwuchs angewiesen. Warum dies viele Eltern nicht mehr leisten können und was dagegen zu tun ist, erläutert der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort.


Sehr geehrter Herr Prof. Schulte-Markwort, nicht zuletzt Industrienationen sind auf fitten, seelisch gefestigten und klugen Nachwuchs angewiesen. Insbesondere Ausbilder beklagen jedoch zunehmend, dass junge Leute immer weniger ausbildungsreif sind. Was läuft schief?

Prof. Schulte-Markwort: Ich sehe nicht wirklich, dass etwas schiefläuft! Ich habe den Eindruck, als wenn wir den immerwährenden Satz aus der Keilschrift aus Ur wiederholen: »Die Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos, die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern – das Ende der Welt ist nahe.« Es gehört zu den menschheitsimmanenten Phänomenen, dass man beim Blick auf die nachfolgende Generation den Eindruck hat, diese werden immer schlimmer, dümmer, verwahrloster et cetera. Wenn das stimmen würde, würde es uns schon längst nicht mehr geben. Ich bin mir sicher, dass die Eltern der heutigen Ausbilder etwas Ähnliches über sie selbst gesagt haben.

Kinder benötigen die Anleitung der Erwachsenen, die ihnen Grenzen setzen und ihnen beibringen, was gut ist und was schlecht. Geschieht dies nicht mehr in ausreichendem Maße?

Schulte-Markwort: Im Gegenteil, Eltern sind heute manchmal zu besorgt. Natürlich gibt es einen kleinen Teil der Jugendlichen, die – schlecht gefördert und schlecht ausgebildet – zu den Verlierern gehören. Die große der Mehrheit der Eltern bemüht sich jedoch sehr um die maximale Förderung ihrer Kinder. Dabei hat sich der Erziehungsstil verändert: Eltern begleiten und fördern mehr, als dass sie Vorgaben machen. Und das ist gut so.

Die Eltern vieler Kinder wurden oft selbst nicht mit der nötigen Konsequenz erzogen. Folglich sind sie gar nicht in der Lage, ihren Kinder einen guten Start in das Leben zu geben. Gibt es einen Ausgang aus diesem Kreislauf?

Schulte-Markwort: Konsequenz meint ja in der Regel: Sanktionen oder Strafen. Es gibt allerdings eine Erziehung, die weitgehend ohne auskommt – zum Glück für die Kinder und für uns. Eine liebevolle Erziehung lebt vor, und muss dann wenig eingreifen. Wir müssen endlich verstehen, dass Strafen nicht dazu führen, dass selbstbewusste und selbstbestimmte Menschen entstehen. Das hat sich auch in modernen und erfolgreichen Unternehmen herumgesprochen, in denen heute respektvoll und partizipativ vorgegangen wird.

Haben Sie Zahlen, die belegen, dass antiautoritär erzogene Kinder sich besser entwickelten, als eher streng erzogene Kinder?

Schulte-Markwort: Es geht nicht um den Unterschied zwischen antiautoritär und autoritär. Eine moderne Erziehung orientiert sich liebevoll an den Bedürfnissen und Entwicklungsschritten der Kinder, ohne zu übersehen, dass es selbstverständlich darum geht, Vorgaben zu machen, Werte vorzuleben und den Kindern einen Weg in das Leben zu zeigen. Eine übermäßig harte oder strenge Erziehung wird immer Gefahr laufen, Möglichkeiten und Grenzen von Kindern zu übersehen, und sie im schlimmsten Fall brechen. So muss es eine Selbstverständlichkeit sein, Kinder ohne Schläge, ohne körperliche oder seelische Gewalt zu erziehen. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern sollte eine Liebesbeziehung sein – niemand würde auf die Idee kommen, seinen Liebes- oder Ehepartner erziehen zu wollen, sondern da ist es uns selbstverständlich, dass unterschiedliche Bedürfnisse nicht einfach übergangen werden. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Kinder, die früh in die Krippe gekommen sind, im Vergleich zu denen, die später dorthin gegangen sind, als Erwachsene durchsetzungsfähiger sind. Ist Durchsetzungsfähigkeit aber tatsächlich die Dimension von Erziehung die wir brauchen? Man sieht, dass solche Studien notwendigerweise immer verkürzen und dann nur eingeschränkt interpretierbar sind.

Was haben Eltern falsch gemacht, die ihre Kinder von Anbeginn an antiautoritär erzogen, doch dann im Jugendalter des heranwachsenden Kindes feststellen müssen, dass es ihrer Kontrolle entgleitet, sich etwa Drogen zuwendet oder in der Schule keinen Sinn mehr sieht?

Schulte-Markwort: Eine antiautoritäre Erziehung ist kein anstrebenswerter Erziehungsrahmen. Eltern, die sich heraushalten in der Annahme, ihre Kinder würden von alleine wachsen, lassen ihre Kinder am Ende verwahrlosen. Kinder brauchen Vorbilder, Grenzen, Werte. Nur dürfen diese Grenzen nicht übertrieben sein und müssen sich immer am Kind orientieren.

Sollten Eltern auch auf Medikamente für ihre Kinder setzen, wenn sie diesen anders nicht mehr Herr werden?

Schulte-Markwort: Medikamente sind keine Erziehungsmittel. Es ist medizinisch und ethisch obsolet, Kinder aus Erziehungsgründen beispielsweise ruhig zu stellen. Hinter jeder psychopharmakologischen Behandlung muss eine Diagnose stehen, die das Medikament rechtfertigt. Und fast jede medikamentöse Behandlung muss eingebettet sein in einen psychotherapeutischen Rahmen.

Es ist eine Tatsache, dass es Eltern gibt, die ihr einziges Kind mit größter Liebe und antiautoritär erzogen haben, dennoch später feststellen müssen, dass dieses mit seinem Leben nicht zurechtkommt. Welche Faktoren sind ihrer Meinung nach dafür ausschlaggebend?

Schulte-Markwort: Eltern, die antiautoritär erzogen haben, haben sich ihrem Kind in der Beziehung nicht gestellt, sondern sind ausgewichen in eine vermeintliche Komfort- und Verständniszone der Nicht-Zurückweisung, des Nicht-Nein-Sagens und einem (wahrscheinlich ungewollten) Alleine-Lassen ihres Kindes. Größte Liebe einem Kind gegenüber kommt nicht auf die Idee, es ohne Werte und Grenzen laufen zu lassen.

Verantwortungsbewusste Eltern schlagen ihre Kinder normalerweise nicht. Wie beurteilen Sie es, wenn solche Eltern jedoch in einer Grenzsituation, etwa einem lebensgefährlichen Verhalten ihres Kindes, diesem einen etwas heftigeren Klaps auf den mit einer Wegwerfwindel gepolsterten Po verabreichen?

Schulte-Markwort: Schläge sind immer falsch! Um einem Kind eine Gefahr vor Augen zu führen, hilft es nicht, Angst auszulösen. Wichtig ist, dass das Kind einen angemessenen Affekt des Erwachsenen erlebt, also Angst oder Schreck. Wut und Aggression sind keine guten Begleiter in der Erziehung von Kindern.

Tiere haben offensichtlich einen großen Einfluss auf die Entwicklung von Kindern. Welche Aspekte sprechen dafür und dagegen, Kinder mit im Haushalt lebenden Tieren aufwachsen zu lassen?

Schulte-Markwort: Unsere Erfahrungen mit tiergestützter Therapie zeigen, dass Kinder oft entlastet sind, wenn sie einen Partner erleben, der anders ist, nicht spricht, und auf den in besonderer Weise Rücksicht genommen werden muss. Je nach Tier sollten Eltern allerdings nicht erwarten, dass die komplette Pflege, etwa Gassi-Gehen, immer vom Kind übernommen wird. Ein Tier für ein Kind anzuschaffen, bedeutet am Ende immer ein Tier für die ganze Familie ...


Möchten Kinder etwas mitteilen, so sprechen sie direkt die von ihnen ausgewählte, erwachsene Person an, auch wenn diese gerade im Gespräch mit einer anderen erwachsenen Person ist. Sollten Eltern dieses Verhalten dulden oder dem Kind erklären, dass es Erwachsenengespräche nicht stören darf?

Schulte-Markwort: Das ist eine Frage des Alters. Von kleinen Kindern kann man nicht erwarten, dass sie automatisch warten. Es gilt das Prinzip der Gleichberechtigung: Kinder dürfen genauso wie Erwachsene davon ausgehen, dass sie berücksichtigt werden. Altersabhängig können wir von ihnen erwarten, dass sie ihren Impuls, etwas mitzuteilen, hintanstellen. Grundsätzlich gilt: Man stört Gespräche nur dann, wenn es passt oder notwendig ist. Das gilt für Erwachsenengespräche aber genauso wie für Kindergespräche!

Es fällt auf, dass in den Kindergärten das Spielen immer weniger Raum einnimmt. Wird jedoch einmal gespielt, so bekommen nicht selten Jungen Mädchenspielzeug und Mädchen Jungenspielzeug. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Schulte-Markwort: Diese Beobachtung kann ich nicht teilen. Wenn es Kindergärten geben sollte, die versuchen, Cross-Gender zu erziehen, so kann man ihnen selbstbewusst in ihr Konzept schreiben, dass diese Versuche nicht dazu führen, dass geschlechtstypische Verhaltensweisen aufhören.

Sollen diese geschlechtstypischen Verhaltensweisen ihrer Meinung nach aufhören?

Schulte-Markwort: Man wird geschlechtstypische Verhaltensweisen nicht durch Erziehung beeinflussen können, zum Glück. Dazu sind sie auch zu sehr genetisch verankert. Allerdings sollten wir alle offen dafür sein, wenn sich in der nachfolgenden Generation geschlechtstypisches Verhalten verändert.

In der Regel ist es so, dass heranwachsende Menschen erst um das 12. Lebensjahr herum beginnen, sich für das jeweils andere Geschlecht zu interessieren. In Kindergärten wird jedoch bereits weit unter diesem Alter den Kindern Sexualkundeunterricht erteilt. Wie beurteilen sie diese Praktiken?

Schulte-Markwort: Kinder interessieren sich sehr viel früher für den Geschlechtsunterschied. Das beginnt im Kindergartenalter und setzt sich fort über die Grundschulzeit bis in die Pubertät und Adoleszenz. Insofern ist es angemessen, die natürliche Neugier der Kinder aufzugreifen, sie aufzuklären und dafür zu sorgen, dass keine unangemessenen Ideen und Fantasien entstehen.

Besteht hier nicht die Gefahr, dass die Kinder bei zu früher Sexualkundeaufklärung traumatisiert werden?

Schulte-Markwort: Nein. Wenn die Aufklärung alters- und entwicklungsangemessen geschieht, sind Kinder entlastet und fühlen sich sicherer in ihrer Wahrnehmung. Wenn Kinder sich geängstigt abwenden, ist etwas an der Aufklärung dramatisch schiefgelaufen – aber auch das kann man aufgreifen und klären, warum das betroffene Kind irritiert reagiert hat.

An einer alters- und entwicklungsangemessenen Aufklärung ist nichts einzuwenden. Doch ist sicher anzuzweifeln, dass diese wichtigen Voraussetzungen im zarten Kindergartenalter schon gegeben sind. Ist es daher nicht verantwortungslos, an diesen Praktiken im Kindergartenalter festzuhalten?

Schulte-Markwort: Wenn Kindergartenkinder tatsächlich durch Aufklärung traumatisiert sein sollten, dann ist in der Tat etwas schiefgelaufen. Ich kenne allerdings keine Konzepte, die dies nahelegen würden. Für den Fall einer Traumatisierung gilt: so etwas kann man behandeln. Viel schlimmer finde ich es übrigens, wenn Kinder ungeschützt am Handy oder Rechner der Eltern plötzlich mit Pornos konfrontiert sind, die sie nicht vertragen.

Immer mehr Frauen müssen mitarbeiten, damit Wohnung und Leben der Familie zu finanzieren sind. Kinder werden immer öfters von fremden Personen in Ganztagsschulen betreut und teilweise auch erzogen. Ist diese politisch geförderte Entwicklung sinnvoll oder abzulehnen?

Schulte-Markwort: Grundsätzlich gilt: Mama ist die Beste. In jeder Hinsicht. Kein Kind hat aber etwas davon, wenn diese beste Mama unzufrieden zu Hause sitzt. Zunächst sollte immer abgeklärt werden, in welcher Form und in welchem Umfang sich Vater und Mutter die Aufgaben teilen können. Wenn die Finanzen nicht reichen oder auch die Mutter ihr Anrecht auf Anforderungen einfordert, ist gegen eine gute Fremdbetreuung nichts einzuwenden.

Sind diejenigen Kinder später bessere Erwachsene, die in Internaten zur Schule gehen und dort auch erzogen werden?

Schulte-Markwort: Internate sind sicher nicht die besseren Eltern. Es gibt manchmal Konstellationen, unter denen sie das kleinere Übel darstellen.

Nun benötigen Eltern ab und zu Hilfe bei der Erziehung. Sie fürchten jedoch, dass sie als „schlechte Eltern„ das Sorgerecht über ihre Kinder verlieren, wenn sie sich an eine entsprechende Stelle wenden, um Hilfe zu holen. Was sagen Sie diesen Eltern?

Schulte-Markwort: Kein Kinder- und Jugendpsychiater wird vorschnell das Jugendamt einschalten. Und auch die Jugendämter haben kein Interesse daran, Kinder aus Familien wegzunehmen, wenn es nicht notwendig ist. Die Prozeduren, die für eine Herausnahme eingehalten werden müssen, sind so aufwendig, dass niemand Willkür fürchten muss.

Was sagen Sie Eltern, deren 17jähriger Sohn keinen Bock auf das Lernen zum Bestehen seiner Ausbildung hat, den Vater bei nichtigem Anlass auf das Gröbste beleidigt und der Mutter Schläge androht, wenn das von ihm alleine gewünschte Mittagessen nicht pünktlich auf dem Tisch steht?

Schulte-Markwort: Ich versuche, gemeinsam mit den Eltern zu verstehen, warum sie sich nicht durchsetzen können und ich übe mit Eltern, wie sie sich besser abgrenzen können. Mit dem Sohn arbeite ich an seinen aggressiven Impulsen den Eltern gegenüber.

Was könnte den Ihrer Meinung nach der Auslöser für so eine Entwicklung sein?

Schulte-Markwort: Auslöser sind in der Regel schief gelaufene Beziehungen. Es ist den Eltern in diesem Fall nicht gelungen, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen, sie waren zu nachlässig oder zu streng ... In einer stabilen Eltern-Kind-Beziehung kommt so etwas kaum vor, es sei denn, beim Kind liegt von früher Kindheit an eine sogenannte affektive Dysregulation oder ein unbehandeltes ADHS vor.

Viele Eltern scheuen sich, ihren Kinder ein »Nein« oder ein »das möchte ich nicht« entgegenzustellen, wenn es nötig ist. Sie haben Angst, als schlechte Eltern zu gelten, wenn das Kind nicht jedes Mal seinen Willen bekommt. Was sagen Sie diesen Eltern?

Schulte-Markwort: Erziehung beginnt tatsächlich oft mit einem »Nein«. Allerdings ist bei guten liebevollen Beziehungen nur selten ein Nein notwendig. Ängstliche Eltern sind keine guten Vorbilder.

Kinder, die nicht mehr mit ihrem Leben zurechtkommen, fügen sich nicht selten Verletzungen zu. Zu denken ist beispielsweise an Ritzungen an den Armen. Was sollten Eltern tun, wenn sie solche Verletzungen an einem ihrer Kinder feststellen?

Schulte-Markwort: Jede Form der Selbstverletzung sollte einen diagnostischen und therapeutischen Teil nach sich ziehen. Eltern selbstverletzender Mädchen sollten sich deshalb nicht scheuen, sofort den Facharzt aufzusuchen.

Großeltern könnten bei der Kindererziehung sehr hilfreich sein. Leider lassen die heutigen Mietpreise es nicht mehr zu, eine derart große Wohnung zu mieten, damit mehrere Generationen unter einem Dach wohnen können. Was raten Sie diesbezüglich der Politik?

Schulte-Markwort: Oft sind es weniger die Mietpreise als die nicht ausreichend tragfähigen generationsübergreifenden Beziehungen, die eine Großfamilie als nicht anstrebenswert erscheinen lassen. Es gibt vereinzelt Mietprojekte, die mehrere Generationen unter einem Dach ermöglichen, aber dabei ist immer zu berücksichtigen, dass die Entlastung in der Kindererziehung schnell in eine Pflege der Großeltern umschlägt.


Eine nicht tragfähige Beziehung der Generationen ist doch sicher in der Minderzahl oder haben Sie da andere Zahlen?

Schulte-Markwort: Die Großfamilie existiert gegenwärtig nicht mehr – aus sehr unterschiedlichen Gründen. Selbstverwirklichung der nachfolgenden Generation ist hierfür sicherlich ein Aspekt, ein anderer, dass die gegenseitige Pflege und Unterstützung für die meisten Familien kein anstrebenswertes Ziel ist. Unsere Werte haben sich auch in diesem Bereich verändert – das sollten wir ohne Wertung zur Kenntnis nehmen.

Während zur besten Sendezeit, kurz vor der Tagesschau, Tipps für Börsenprofis gegeben werden, finden sich Sendungen zur Kindererziehung versteckt im Vormittags- oder Abendprogramm. Sollte die ›Börse vor 8‹ einer Sendung ›Kind vor 8‹ weichen, damit Eltern regelmäßig Tipps bei der Kindererziehung erhalten?

Schulte-Markwort: Ich habe schon vor vielen Jahren ein Konzept entwickelt, dass in Analogie der Autofahrertipps der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts um fünf Minuten vor der Tagesschau Tipps zum Umgang mit Kindern und deren Erziehung gesendet werden. Meine Erfahrung: An solchen Konzepten besteht kein Interesse.

Viele Scheidungen werden ausgerechnet dann ausgesprochen, wenn die Kinder in einem kritischen Alter sind. Sollte in dieser Zeit der Mutter oder dem Vater von staatlicher Seite nicht mehr geholfen werden, damit Scheidungskinder nicht Gefahr laufen, abzugleiten?

Schulte-Markwort: Scheidung gehört zu den intensivsten Stressoren von Kindern in Industrienationen. Oft sind es die Mütter, die alleine zurückbleiben und wenn es politische Programme gäbe, die ihnen helfend unter die Arme greifen, wäre das sicherlich wünschenswert.

An welche Art Hilfe denke Sie da?

Schulte-Markwort: Elternschulen und Beratungsstellen haben Konzepte, die hilfreich für Mütter sein könnten. Hier müsste es politisch gewollt sein, das finanziell zu unterstützen.

Ein lehrreicher Unterricht, in dem die Augen nach vorne gerichtet waren, war früher die Regel. Heute herrscht in vielen Schulklassen eher Chaos. Es gibt viel zu häufig ungeordnete, laute Klassen, in der Lehrer eher unauffällig die Arbeiten Koordinieren. Lernwillige Schüler werden hier massiv benachteiligt, da sie sich nicht auf den Stoff konzentrieren können. In der Folge werden sie, je nach Naturell, aggressiv oder depressiv, da sie immer weniger Erfolgserlebnisse haben. Wie beurteilen Sie diese Zustände?

Schulte-Markwort: Ich bin froh darüber, dass es keine autoritären Lehrer mehr gibt. Allerdings beobachte ich die pädagogische Hilflosigkeit mancher Lehrer mit Sorge. Hier müsste die Ausbildung in den Hochschulen und Universitäten deutlich reformiert werden. Ich erlebe jeden Tag aber auch Lehrer, die mit großem Engagement ihren Schülern den Stoff und die Notwendigkeiten für das Leben beibringen.

Es ist demnach unbestritten, dass ein Teil der Lehrer der Belastung in der Schule nicht gewachsen ist. Sollte daher eine gründlichere Auswahl der Lehramtsanwärter erfolgen?

Schulte-Markwort: Stressresilienz bei Lehramtsanwärtern zu überprüfen, ist sicherlich problematisch, weil kaum valide durchführbar, abgesehen davon, dass der Beruf dann nach der Ausbildung infrage gestellt würde. Besser wäre es, wenn im Studium auf diese Faktoren hingewiesen würde und die zukünftigen Lehrer vor allem mehr über psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter und ihren Umgang damit erfahren.

Kein Verantwortungsgefühl, kein Gemeinschaftsgefühl, keine Nächstenliebe, purer Egoismus – mittlerweile sind viele Menschen unter uns, die eine Erziehung mit katastrophalem Ergebnis durchlaufen haben. Interessanterweise sind diese nicht selten in gehobener Position zu finden. Findet im Beruf und in der Politik eine negative Auslese statt?

Schulte-Markwort: Die Negativauslese in führenden Positionen ist kein Phänomen der Neuzeit. Es waren schon immer die tendenziell Rücksichtslosen, die sich durchgesetzt haben.

Sollte es in Demokratien Pflicht werden, dass Präsidenten oder Kanzler vor dem Amtsantritt auf ihre Psyche untersucht werden? Schließlich haben diese unter Stress oft schwierige Entscheidungen zu treffen und dürfen nicht leichtfertig handeln.

Schulte-Markwort: Das wird ethisch nicht gehen, weil sich sofort die Frage stellt, für welche Führungskräfte das auch gelten müsste. Speziell bei Politikern sind wir es ja, die es mit unserer Wahl in der Hand haben. Insofern sind die Politiker immer auch ein Abbild unserer selbst ...

Wer ein Auto fahren möchte, muss zunächst einen Führerschein machen, damit er sich hinter das Steuer setzen darf. Wer eine Steuererklärung abgeben möchte, muss sich zunächst mit der Steuergesetzgebung auseinandersetzen, doch wer Kinder bekommen möchte, der kann das ganz ohne Vorbereitung tun. Sollten sinnvolle Erziehungs-Bücher Pflicht werden, ehe man sich in dieses Abenteuer stürzen darf?

Schulte-Markwort: Ich träume schon lange davon, in den Schulen ein Fach wie Elternschaft einzuführen. Jugendliche sollten wissen, warum ein Säugling weint und was die wichtigen Grundprinzipien einer gelingenden Erziehung sind.

Sehr geehrter Herr Prof. Schulte-Markwort, vielen Dank für das interessante Interview!

 

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