Welt der Fertigung
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Nationalstaaten im Zeitalter der Globalisierung

Reiner Vogels, Pfarrer i.R, zur Globalisierung

Reiner Vogels, ein evangelischer Pfarrer i.R., stellt die Frage, ob es in einer globalisierten Welt überhaupt noch einen sinnvollen Platz für die klassischen Nationalstaaten gibt.

Zweifellos leben wir in einem Zeitalter der Globalisierung. Arbeitsteilung, so heißt es, ist die Grundlage für den Wohlstand der Nationen. Weltumspannende Kommunikationsmöglichkeiten und Transportverbindungen ermöglichen und erzwingen heute diese Arbeitsteilung in einem globalen, noch vor ein paar Jahrzehnten unvorstellbaren Maße. Gerade die deutsche Industrie profitiert wegen ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit in hohem Maße von der Globalisierung.

Gibt es in dieser globalisierten Welt überhaupt noch einen sinnvollen Platz für die klassischen Nationalstaaten oder sollen sie einfach zu Siedlungsgebieten und Verwaltungsterritorien eines globalen politischen Systems werden? Über diese Frage ist eine lebhafte Debatte entbrannt. Globalisierer und Verteidiger des Nationalstaates stehen einander oft unversöhnlich gegenüber. Und natürlich gibt wie immer bei strittigen politischen Fragen auf beiden Seiten bedenkenswerte Argumente.

Nicht sehr oft jedoch wird in der Diskussion daran erinnert, dass es in der europäischen Geschichte schon einmal eine vergleichbare Phase einer „Globalisierung“ gegeben hat, die verblüffende Parallelen zur heutigen Zeit aufweist. Gemeint ist das letzte Jahrhundert vor Christi Geburt, in der die alte römische Republik zusammengebrochen ist und einem Imperium mit einem Alleinherrscher an der Spitze Platz machen musste.

Damals wurden dem Herrschaftsbereich der Stadt Rom in ganz kurzer Zeit riesige Gebiete von Gallien bis Ägypten als Kolonien hinzugefügt. Für damalige Verhältnisse war Rom ein globales Reich. Und auch die wirtschaftlichen und politischen Folgen waren den heutigen vergleichbar: Billige Getreideimporte aus Übersee und die vielen Sklaven aus den besiegten Völkern, die als billige Arbeitskräfte auf den Landgütern der Reichen schuften mussten, nahmen den angestammten Bauern ihre Wettbewerbsfähigkeit. Sie mussten ihr Land an die wenigen Großen verkaufen und füllten dann als besitzlose Proletarier die Elendsviertel von Rom.

Und diese Menschen waren natürlich der perfekte Resonanzboden für die Partei der „Populares“, der Populisten, wie man heute sagen würde. Haben nicht auch heute in den klassischen Industriestaaten viele Industriearbeiter ihre Jobs verloren, weil sie mit den Billigarbeitskräften in Übersee einfach nicht mithalten konnten?

In Rom gab es damals eine Reihe von Abenteurern der Macht, also Warlords, die die unruhigen Zeiten und die wachsenden sozialen Spannungen ausnutzten, um nach oben zu kommen. Das führte zu jahrzehntelangen verheerenden Bürgerkriegen der Warlords gegeneinander, aus denen dann die Alleinherrschaft des Kaisers hervorging. Und diese durchaus diktatorische Herrschaft der Kaiser hatte viele Jahrhunderte Bestand.

Geschichte wiederholt sich nicht, aber es ist durchaus möglich, dass heute die globale Weltpolitik einen ähnlichen Verlauf nimmt. Allerdings dürften heute die entscheidenden Player nicht irgendwelche Warlords sein, sondern die großen international aufgestellten Unternehmen. Gemeint sind die Unternehmen, gegenüber denen selbst Daxkonzerne klein sind. Es kann durchaus sein, dass sie sich zusammentun und eine globale Herrschaft, ein neues Imperium etablieren.

Demokratisch wird dieses Imperium nicht sein können. Dazu wäre es einfach zu groß und unübersichtlich für die große Mehrheit der Wähler. Demokratie funktioniert nun mal nur in überschaubaren politischen Räumen. Vor diesem Hintergrund und der damit ohne Frage verbundenen Gefahr sollte man auch in der globalisierten Welt den Nationalstaat als funktionierenden Raum demokratischer Selbstbestimmung mündiger Bürger nicht leichtfertig aufgeben.

Das spricht nicht gegen internationale Zusammenarbeit und ein regelbasiertes Miteinander der Nationalstaaten, aber es sollte doch das Ziel sein, so viel Entscheidungskompetenz und Macht wie möglich bei den demokratisch gewählten Parlamenten der Nationalstaaten zu belassen. Mit Nationalismus hat diese Forderung nichts zu tun. Denn sie gilt selbstverständlich nicht nur für den deutschen Nationalstaat, sondern ebenso für den französischen, russischen, polnischen … Nationalstaat. Nationalismus ist im übrigen auch unchristlich.

Nun werden die Nationalstaaten als Räume demokratischer Gestaltung nur erhalten werden können, wenn ihre jeweiligen Bürger ein positives Verhältnis zu ihrem Staat haben. Wem sein Staat gleichgültig ist, der wird sich kaum dafür einsetzen, dass dieser Staat erhalten bleibt. Für die Bürger der meisten Staaten ist das selbstverständlich. Sie bejahen ihren Staat. Für Deutschland allerdings ist das nicht so einfach. Die entsetzlichen Verbrechen der Naziherrschaft erschweren es bis auf den heutigen Tag vielen Deutschen, ein positives Verhältnis dazu zu gewinnen, das sie Deutsche sind und dass Deutschland ihre Heimat ist.

Daran wird sich auch nur im Laufe der Zeit etwas ändern. Immerhin kann man heute schon damit anfangen, eine solche Änderung und Normalisierung zu befördern. Dazu muß man neben der Erinnerung an die Naziverbrechen auch auf die positiven Identifikationsfiguren der deutschen Geschichte verweisen. Wir finden sie in der Staatskunst, der Dichtung, der Musik, der Philosophie und Theologie, in der Malerei, der Baukunst und nicht zu vergessen bei den vielen großen Naturwissenschaftlern, den genialen Erfindern und Firmengründern, von denen weite Teile der deutschen Industrie heute noch leben. Sie alle können heute als Vorbilder dienen, denen man nacheifern sollte. Und dies kann helfen, dass Deutsche wieder ein positives Verhältnis zu ihrem Staat gewinnen und sich dafür einsetzen, ihn in Zeiten der Globalisierung zu erhalten.

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